Hunde und menschliche Sprache

Es ist doch sehr faszinierend: Da steht eine fremde Spezies auf vier Pfoten vor uns, wir sagen „Sitz“ und die Pelznase setzt sich. Hunde hören uns Menschen sehr aufmerksam zu. Jedoch schenken sie verschiedenen Bestandteilen unserer menschlichen Sprache Beachtung.

Hunde können Wortbedeutungen erraten und erlernen

Seien wir doch mal ehrlich: Wir Hundehalter sind schon lang überzeugt, dass unser Hund uns verstehen kann. Dass sie jedoch auch dazu befähigt sind, Worte zu erraten, mag den einen oder anderen überraschen. Zu diesem Ergebnis kam das Max-Planck-Institut, das im Juni 2004 mit dem Border Collie Rico, den du vielleicht noch aus „Wetten, dass …?“ kennst, entsprechende Studien durchführte.

Ging man bislang davon aus, dass es rein menschlich wäre, das Ausschlussverfahren anzuwenden, stellten die überraschten Forscher fest, dass Hunde eben dies auch können. Rico, der Border Collie, kannte bereits vor den Testdurchläufen mehr als 200 unterschiedliche Dinge beim Namen. Mit diesem „Vokabular“ sei er mit „sprachtrainierten Affen, Delfine, Seelöwen oder Papageien vergleichbar“.

Im Test führten die Wissenschaftler 10 Durchgänge durch: Rico sollte einen der ihm bekannten Gegenstände apportieren. Im zweiten oder dritten Durchlauf nannte Ricos Halterin ein ihm fremdes Wort („Rico, wo ist XY?“); auf diese Weise brachte Rico in 7 von 10 Fällen den korrekten Gegenstand.

Das Fazit der Studie: Hunde können abstrakte Akustik-Signale, also menschliche Worte, konkret mit Gegenständen aus ihrer Umwelt verbinden. Dieser Fähigkeit ist es zu verdanken, das Ausschlussverfahren erfolgreich anzuwenden und bekannte Objekte von unbekannten zu unterscheiden. Dadurch wiederum ist ein gut trainierter Hund fähig, die unbekannten Objekte mit dem passenden Wort dazu zu verknüpfen. Ein Verhalten, das man übrigens auch bei Kindern findet.

Hunde sind empathisch und aufmerksam

In einer weiteren Studie vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Antropologie bewiesen Verhaltensforscher, dass Hunde ihre Halter nach ähnlichen Mustern deuten können, wie es Kindern bei ihren Eltern gelingt. Hunde sind nicht nur fähig, Menschen auf Fotos zu erkennen, sie können sich auch Gesichter aus dem Fernseher merken und sind wahre Meister darin, das Mienenspiel des Menschen zu durchschauen.

Wir Menschen forschen in der rechten Gesichtshälfte unseres Gegenübers nach Emotionen – vollkommen unbewusst. Genau so forschen auch Hunde in menschlichen Gesichtern. Sie lassen sich sogar vom Gähnen des Menschen anstecken! Für die Forscher ein eindeutiger Beweis für Empathie bei unseren vierpfötigen Freunden.

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Wortlose Kommunikation als gemeinsame Sprache

Juliane Kaminski gehört zu den Verhaltensbiologinnen dieser Versuchsreihe. Sie erklärte, dass die Grundidee zur Studie aus einer Versuchsreihe mit Schimpansen stammt, die beeindruckend gut darin seien, „Rückschlüsse über die Perspektive anderer zu ziehen“. Voraussetzung für die Hunde, die an der Versuchsreihe teilnahmen, war nicht etwa dieselbe Rasse, sondern Begeisterung fürs Spiel und Apportieren.

In dem Versuch nahmen die Hunde hinter zwei Spielzeugen Platz. Dem Hundehalter war die Sicht auf eines der Spielzeuge durch eine kleine Sichtschutzwand versperrt, das zweite konnten sie sehen. Sie forderten ihren Hund auf, das Spielzeug zu apportieren, ohne den Namen des Spielzeugs zu benennen. In jedem Durchgang entschied sich der jeweilige Hund, dem Halter das für ihn sichtbare Spielzeug zu bringen.

Mit schottischen Border Collies testete Kaminski außerdem ein Futterspiel: Leckerlis wurden, vom Hund unbeobachtet, unter einem Plastikhütchen versteckt. Nur mit Blicken oder Fingerzeig deutete Kaminski auf das richtige Hütchen. Kaminski war von den Ergebnissen beeindruckt: „Anders als Schimpansen verstehen Hunde die wortlosen Winke auf Anhieb“. Ungarische Verhaltensforscher der EötvösLoránd-Uni führten diesen Versuch auch mit Wölfen durch, die jedoch keine derartigen Fähigkeiten zeigten.

Sprache wird in verschiedenen Hirnhälften verarbeitet

Das Fachmagazin „Current Biology“ veröffentlichte im Dezember 2014 eine Studie der University of Sussex-Forscher David Reby und Victoria Ratcliffe. 25 Hunden wurden in dieser Studie Laute gleichzeitig auf beiden Ohren vorgespielt. Die Betonung lag dabei immer auf den bedeutungstragenden Sprachanteilen; die Stimmung des Sprechers war dadurch gut erkennbar. Die Forscher legten ihr Augenmerk darauf, wohin der jeweilige Hund seinen pelzigen Kopf neigte, um herauszufinden, welche Hirnhälfte („Hemisphäre“) die Sprachbestandteile verarbeitet.

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Ratcliffe erläuterte: „Der Input der Ohren wird zum größten Teil in die jeweils gegenüberliegende Hemisphäre des Gehirns übertragen. Wenn eine Hirnhälfte besonders spezialisiert für das Verarbeiten bestimmter Informationsanteile ist, dann wird das so wahrgenommen, als wenn sie von dem gegenüberliegenden Ohr kommen.“ Bedeutet: wenn du deinem Hund etwas sagst und er neigt seinen Kopf nach rechts, wird die Information besonders durch die linke Hemisphäre verarbeitet.

Nun wird’s richtig spannend: Bedeutung tragende Wörter werden offenbar in der linken, emotionale Betonungen in der rechten Hemisphäre verarbeitet. Nach der Betonung der Worte „come on then“, also Bedeutung tragende Worte ohne Emotionen, neigten 80 % der Versuchshunde ihren Kopf nach rechts. Wurde die Emotionalität verstärkt, neigten die Hunde ihren Kopf in die linke Richtung.

Diese Studie zeigt, dass sich das Verarbeiten von Sprache bei Hunden wie bei Menschen auf zwei Gehirnhälften aufteilt. So unähnlich sind wir uns also nicht. Alles verstehen, was wir sagen, können Hunde dennoch nicht. Aber sie sind sehr wohl in der Lage, herauszuhören, wer was wie ausspricht und dem Gesagten dann entsprechende Bedeutung beizumessen.

Sprechrichtung als Richtungsweisung

Es waren wieder Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Antropologie, die im Rahmen ihrer Forschung bewiesen, dass Hunde unserer Sprechrichtung folgen können. In dem Versuch wurde mit adulten Hunden und mit Welpen gearbeitet. Zwei identische Schachteln wurden aufgestellt, in einer von ihnen befand sich eine Leckerei. Die Studienleiterin hatte keinen Sichtkontakt zum Hund. Sie blickte in die Richtung der Schachtel, in der Futter enthalten war, und freute sich verbal. Die meisten Hunde und Welpen waren in der Lage, auf Anhieb die richtige Schachtel auszuwählen – nur aufgrund dessen, dass die Studienleiterin in Richtung dieser Schachtel gesprochen hatte.

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Weder Wölfe noch Schimpansen können der Sprechrichtung von Menschen folgen, Hunde bilden hier eine Ausnahme. Einjährige Kinder sind zu dieser Leistung ebenfalls in der Lage. Interessant: Die sozialisierten Welpen schnitten insgesamt sogar besser ab als die erwachsenen Hunde. Voraussetzung dafür war jedoch die Sozialisierung. Nicht sozialisierte Welpen schienen sich eher per Zufall für die eine und gegen die andere Schachtel zu entscheiden.

Hunde sind keine Plaudertaschen

All diese Studienergebnisse sprechen für eine hohe Intelligenz und Empathie. Nichtsdestotrotz bleibt eine Tatsache: Zugequatscht werden, das mögen Hunde nicht. Dies ergibt – neben dem logischen Menschenverstand – eine weitere Studie. Zunächst das, was uns der Menschenverstand sagt:

Für Hunde ist es unglaublich anstrengend, uns zuzuhören, um die Worte herauszufinden, die für sie relevant sind. Natürlich darfst du dich bei deinem Hund ausheulen und kannst ihm deinen gesamten Tag erzählen, wenn dir das hilft. Wenn es jedoch drauf ankommt, macht es Sinn, sehr sparsam mit Worten umzugehen. Sehen wir uns das am Beispiel „Abruf“ an; in unserem Haushalt ist das Signal dafür „Beine!“:

  • Rufe ich ausschließlich „Beine!“, wissen unsere Hunde, was sie zu tun haben. Da wir den Rückruf sehr intensiv aufgebaut haben, schießen die Hunde freudig in meine Richtung, setzen sich ab und werden tüchtig belohnt.
  • Würde ich hingegen sagen: „Ach herrje, jetzt regnet es, na, wir gehen lieber nach Hause, Beine, Mädels!“, würden die Hunde hören: „blablablablablablablablablablablablaBEINEblabla“ und sicherlich beim ersten und zweiten Mal angeflitzt kommen. Würde ich jedoch dieses Gefasel immer und immer wieder bringen, würde es meinen Hunden verständlicher Weise irgendwann zu anstrengend werden, sie würden abschalten und unser so gut aufgebauter Rückruf wäre für die Katz.

Der Studienablauf

Nun zur Studie: Erica Feuerbacher (University of Florida) schloss sich dafür mit Clive D.L. Wynne (Arizona State University) zusammen, um im Fachjournal „Behavioral Processes“ ihre Studienergebnisse zu veröffentlichen. Der hübsche Titel der Studie: „Shut up and pet me!“.

Die beiden Forscher kommen zu dem Schluss, dass Hunde viel, viel lieber gestreichelt als verbal gelobt werden. Für die Studie ließen die beiden Wissenschaftler Tierheim-Hunde und solche, die privat gehalten werden, mit fremden sowie ihnen bekannten Menschen interagieren. Mit Streicheleinheiten und lobenden Worten waren die menschlichen Studienteilnehmer alles andere als sparsam. Gänzlich unabhängig davon, ob der jeweilige Halter oder eine fremde Person mit dem Hund zugange war, zeigte die Studie deutlich: Streicheleinheiten sind viel interessanter als Worte.

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Vierbeiner lieben wortloses Streicheln

Die Autoren der Studie haben die Zeit gemessen, in der der jeweilige Hund in der Nähe des Menschen blieb. Dabei streichelte die Person den Hund etwa wortlos oder gab lobende Worte von sich, ohne sonstwie mit dem Hund zu interagieren, oder tat einfach gar nichts.

Schweigendes Streicheln genossen die Vierpföter sehr: Sie blieben die gesamten drei Versuchsminuten beim streichelnden Menschen. Selbst im Anschluss wollten sie bei dem Menschen bleiben und weiter gestreichelt werden. Lobte der Mensch jedoch verbal oder tat gar nichts, suchten die Hunde nicht die Nähe des Menschen. Hunde wollen also nicht quatschen, sondern gestreichelt werden.

Zugegeben: Auf alle Situationen kann man diese Studienergebnisse wohl nicht anwenden. Denke ich an verschiedene Hunde in meinem Umfeld, fällt mir keiner ein, der es draußen toll fände, gestreichelt zu werden – ein Ausnahmeexemplar lebt hier in unserem Haushalt. Für sie ist es tatsächlich auch draußen das Schönste, gestreichelt zu werden – jedes Leckerchen, jedes Spielzeug und jedes gute Wort lässt sie für eine Streicheleinheit liegen, egal, in welcher Umgebung sie sich befindet. Die Regel ist jedoch, dass Hunde draußen ungern gestreichelt werden.

Und die Regel ist es auch, dass Hunde überfordert sind, wenn sie ständig in die Lage gebracht werden, zuhören zu müssen. Irgendwann schalten sie ab, Signale verlieren an Bedeutung und das Chaos ist vorprogrammiert.

Zusammenfassung der Studien

Die genannten Studien bringen Ergebnisse auf den Tisch, die – zumindest mich – immer wieder neu faszinieren und begeistern! Hunde sich echte Intelligenzbolzen; sei stolz auf deinen Vierbeiner! Wir fassen zusammen, was die Studien zeigen:

  • Hunde können das Ausschlussverfahren erfolgreich anwenden
  • Hunde können Personen auf Fotos erkennen und sich Gesichter aus dem TV merken
  • Hunde durchschauen die Emotionen bekannter Gesichter durch den Fokus auf die rechte Gesichtshälfte; ähnlich wie wir Menschen
  • Hunde sind empathisch und kooperationswillig; sie entscheiden im Sinne ihres Halters
  • Hunde lassen sich Richtungen durch Blicke, Gesten und verbale Sprache weisen
  • Hunde verarbeiten Bedeutung tragende Worte in der linken, emotionale Sprache in der rechten Hirnhälfte
  • Hunde haben Streicheleinheiten lieber als verbales Lob und werden nur ungern zugetextet

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Bei unseren Hunden kann ich alle Studienergebnisse unterschreiben – das letzte jedoch nur halb, denn während die eine Hündin Streicheleinheiten immer und überall mitnimmt, mag die andere es draußen überhaupt nicht, gestreichelt zu werden, was ich auch bei vielen Hunden in meiner Umgebung feststellen konnte. Die Hauptaussage der Studie, das Hunde nicht gerne zugetextet werden, trifft definitiv auf beide zu. Wie ist das bei deinem Hund? Welche der Studienergebnisse treffen auf deine Pelznase zu, welche überhaupt nicht?

 

Fotos:
Titelbild: © Bianca Wellbrock
Artikelbilder (von oben nach unten):
© Bianca Wellbrock
DSC08200.jpg“ von Wiggle Butts Pet Photography, Lizenz: CC BY-ND 2.0
30/30 It’s goodbye from Sage for now (30 days of sage)“ von philhearing, Lizenz: CC BY 2.0
18th Jan“ von Alex Matravers, Lizenz: CC BY-ND 2.0
© Bianca Wellbrock

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