TV-Hundetrainer: „Bitte wenden Sie diese Trainingsmethoden nicht ohne den Rat eines Fachmannes an“

Dies ist der Rat, den TV-Hundetrainer immer geben. Beachtung findet er jedoch eher selten. Warum es Sinn macht, diesen Rat ernst zu nehmen, möchte ich euch im heutigen Blogbeitrag näherbringen.


TV-Hundetrainer, soweit das Auge reicht

Sie flüstern, sie beraten, sie therapieren, sie trainieren: sowohl im TV als auch auf Videoplattformen wie YouTube boomen mehr oder minder selbsternannte Experten, die Menschen mit Hunden zeigen wollen, wie sie ihren Hund erziehen können. Sie sind ja durchaus vorhanden: Die Trainer, die tatsächlich positiv arbeiten und die jeweiligen Hunde nicht einschüchtern. Diejenigen, die sich mit Verhalten und Lerngesetzen von Hunden auseinandergesetzt haben. Dazu gehören nach meinem Dafürhalten (wenn du weitere kennst, freue ich mich sehr auf Ergänzungen in den Kommentaren):

Und Martin Rütter? Jein, denn vieles empfinde ich als vertretbar bis gut, jedoch verzichtet auch Deutschlands wohl bekanntester Hundetrainer nicht auf aversive Einwirkungen mittels Wasser, Rütteldose oder Wurfdiscs. Mit einem für mich sehr wesentlichen Unterschied gegenüber anderen aversiv arbeitenden Trainern: Rütter benennt, was er da tut. Er klärt die Halter darüber auf, dass seine aversiven Methoden Meideverhalten auslösen und dass diese für unsere vierbeinigen Freunde extrem heftig sind.

Wir haben es Rütter zu verdanken, dass Hundetraining mit positivem Ansatz überhaupt präsenter bei Hundehaltern geworden ist. Er als TV-Hundetrainer hat zweifelsfrei einen enorm hohen Anteil, wenn nicht sogar den Hauptanteil, an der Tatsache, dass das Training von Hunden salonfähig geworden ist. Letztlich war es doch Rütter, der uns Hundehaltern zeigte, dass wir das Wesen des Hundes nicht brechen müssen, um für uns unangenehme Verhaltensweisen verschwinden zu lassen. Und durch ihn wissen viele Hundehalter, dass Training einem positiven Weg folgen kann. Folgen, in denen Wasser, Rütteldose und Wurfdiscs zum Einsatz kommen, verurteile ich dennoch – es gäbe immer Möglichkeiten, darauf zu verzichten.

Somit kommen wir auf zwei bis drei empfehlenswerte TV-Hundetrainer. Nicht mal eine Handvoll! Wie schaut es mit dem Rest aus? Den Flüsterern? Die schaffen es doch auch, Probleme zu lösen – sieht man doch. Nun ja, wenn man genau hinschaut, sieht man das genaue Gegenteil: Das Wesen Hund wird gedeckelt, klein gehalten, dominiert, angezischt – letztlich hilflos gemacht. Sehen wir uns das mal genauer an:

TV-Hundetrainer Cesar Millan und seine kruden Theorien

Das Rudeltier Hund benötigt einen Rudelführer, der ihn dominant führt, andernfalls möchte die Pelznase die Führung übernehmen – so lässt sich Millans Theorie wohl in aller Kürze zusammenfassen. Die Rudelführerschaft wird laut Millan durch verschiedene Vorgänge (keine erhöhten Liegeplätze, Rudelführer geht zuerst durch Türen und nimmt zuerst Nahrung zu sich, bestimmt, wann und wo der Hund schnüffelt und sogar, wann und wo er sich löst, usw.) und durch Energien gesteuert.

Ob der zu therapierende Hund angstmotiviert handelt oder eine andere Emotion dahintersteht, scheint relativ egal für Millan. Er ist überzeugt: Ein Hund muss Fehlverhalten zeigen, damit der Rudelführer in Menschengestalt korrigierend eingreifen kann. Und für diese Korrektur hat ein Millan einen ganzen Werkzeugkoffer dabei.

Der Schreckens-Werkzeugkoffer des CM

  • Zischlaute: Fido dreht beim Anblick von Artgenossen auf – Millan zischt Fido an. Nicht weiter wild und es funktioniert ja prächtig, mag der eine oder andere glauben. Wäre Fido positiv auf diesen Zischlaut konditioniert worden, wäre dem tatsächlich so. Das unerwünschte Verhalten ließe sich mit zischen freundlich unterbrechen, ohne dass Fido Meideverhalten zeigt. Millan hingegen lässt dem Zischlaut für gewöhnlich eine massive Strafeinwirkung folgen, sodass der Zischlaut zur Ankündigung für diese Schmerzeinwirkung wird.
  • „Berührungen“: Millan beweist anschaulich, dass das Wort „Berührung“ offenbar Definitionsspielraum hat. Oftmals ist zu sehen, dass er seine Hand wie eine Klaue zu formen versucht und Hunde damit in die empfindliche Halsgegend „beißt“. Er argumentiert, dies mache die Hundemutter bei Welpen ebenfalls. An dieser Erklärung gibt es nicht eine Silbe, die aus kynologischer Sicht nicht in der Luft zerrissen gehört! Millan maßregelt auf diese Weise häufig und wiederholt. Eine wirkungsvolle Strafe jedoch kennzeichnet sich dadurch, dass Wiederholungen unnötig sind. Mehr als drangsalieren macht Millan hier nicht – kein Hund der Welt ist so bescheuert, zu glauben, wir Zweibeiner seien eine Hundemutter und Fido selbst der Welpe. Das macht keinen Sinn – es ist höchst lächerlich! Nur Fido kann darüber nicht lachen. Für ihn ist es lästig, oftmals schmerzvoll und höchst unangenehm.
  • Tritte: Ja, ja, Millan-Anhänger möchten es lieber als „Touch“ bezeichnet wissen. Letztlich ist das, was Millan da macht, allerdings nichts weiter als ein Tritt. Insbesondere zum Start der Serie „Der Hundeflüsterer“ wendete Millan diese extreme Einschränkung an: Fido dreht auf, Millan kickt in seine Flanke – mal mehr, mal weniger heftig. Es kann nicht wegdiskutiert werden: Das ist ein Tritt, keine Berührung. Da Millan darauf bedacht ist, Hunde hinter sich zu halten, da die Vierpföter andernfalls die Weltherrschaft an sich zu reißen drohen, gehört mit zu den Problemen an dieser Sache, dass Millan gar nicht hinschauen kann und blind tritt. Das wiederum führt dazu, dass er gar nicht merken kann, wie leicht oder heftig er Hunden in die Flanke tritt. Wirft man nun einen Blick auf die Anatomie des Hundes, wird schnell klar, dass er vom Magen über Niere und Milz bis zum Darm so ziemlich alles treffen kann. Diese Organe werden nicht durch ein Skelett darüber geschützt. Fühlt bei euren eigenen Hunden: Dort, wo Millan Hunden in die Flanke tritt, trifft er Organe – je heftiger der Tritt, umso höher natürlich die Verletzungswahrscheinlichkeit. Und selbst, wenn keine Organe verletzt werden, reagiert der Hund mit Meideverhalten und damit zeigt sich auch dieses Tool aus dem Millan-Werkzeugkoffer als unbrauchbar, weil aversiv.
  • Reizüberflutung („Flooding“): Stell dir vor, du hast panische Angst vor Mäusen. Ich nehme dich ans Halsband und führe dich wortlos in einen Raum, in dem es vor Mäusen nur so wimmelt. Das musst du nun aushalten, denn ich halte dich wortlos fest am Halsband und rucke daran, wenn du auch nur mit der Wimper schlägst. Das ist Flooding á la Millan. Flooding bedeutet: Ein Individuum wird mit seinen angstauslösenden Reizen solange konfrontiert, bis es erkennen soll, dass keine Gefahr davon ausgeht. Bei uns Menschen existiert der Vorteil, dass wir noch miteinander reden können. Anstatt dich wortlos in den Mäuseraum zu führen, könnte ich dir die nun folgende Herausforderung auch erklären, könnte dir sagen, dass ich dich im Mäuseraum nicht alleine lasse und wir verschwinden können, wenn es dir zu viel wird. Millan gestattet dies bei Hunden nicht. Vorrangig bei Hunden, die Probleme mit Artgenossen haben, setzt er Flooding ein: Sie werden inmitten vieler Artgenossen gesetzt, dort wahlweise per Hand oder Halsband und Leine fixiert und müssen aushalten. Diese Form der „Gewöhnung“ ist brutal, herzlos – für mich indiskutabel und unter Kynologen mehr als umstritten. Im Rahmen einer Überreizung kann lernen nicht stattfinden. Hunde, die sich in einer solch beängstigenden, grausamen Situation befinden, geben hilflos auf. Sie entkommen ja doch nicht.
  • Alphawurf: Fido ist ein sogenannter „Red Zone“-Hund; er befindet sich in der roten Zone – Stufe 10 der Aggression nach Millans Dafürhalten. Bei diesen „Red Zone“-Hunden hält Millan den Alphawurf für hilfreich: Der aggressive Fido wird mit wenigen mehr oder minder geschickten Handgriffen auf die Seite oder den Rücken geworfen und herunter gedrückt. Ja, das passiert in der Tat auch unter Hunden: Einer nervt arg, der andere reagiert kurz, heftig und direkt. Das Ganze ist in wenigen Sekunden vorüber. Die Unterwerfung, also das Drehen auf den Rücken, geschieht übrigens aktiv freiwillig als Reaktion auf die heftige, kurze Zurechtweisung des anderen Hundes – nicht gezwungen. Zumeist zeigen Hunde dieses Verhalten ohnehin im Spiel. Millan jedoch bedroht den Hund massiv, starrt ihm in die Augen und fixiert den am Boden liegenden Hund über längere Zeit, zuweilen minutenlang. Dabei schwätzt er für gewöhnlich mit den beeindruckten Hundehaltern, die ihren Hund noch nie so „entspannt“ gesehen haben wollen. Leider steckt dahinter nur eines: der Hund muss aufgeben. Er hat doch keine Chance mehr, wenn ein wuchtiger Kerl sich so über ihn beugt, ihn bedrohlich in die Augen starrt und ihn an Bewegungen hindert. Eine Hand am Hals und ein, zwei Finger seitlich am Gaumenbereich und jeder Zappelphilip auf vier Pfoten hält still. Entspannend kann diese Haltung nicht sein, denn hierbei beeinträchtigt Millan die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn. Das starke Hecheln des Hundes sowie weit aufgerissene Augen und teilweise blau gefärbte Zungen beweisen dies. Hunde wissen zudem, dass wir Zweibeiner keine Hunde sind, und so können sie unsere Art, den „Alphawurf“ zu praktizieren, überhaupt nicht deuten. Aus Hundesicht stürzt sich ein wild gewordener Zweibeiner auf ihn und trachtet nach seinem Leben. Klingt nicht sehr entspannend, oder?

Dies ist nur ein winziger Teil des grausamen Werkzeugkoffers von Cesar Millan. Starkzwangmittel kommen ebenfalls zum Einsatz: Die hierzulande verbotenen Stromhalsbänder genauso wie ein eigens erfundenes Halsband, das sich prima nebenher vermarkten lässt. Tja, alles, um die Pelznase gefügig zu machen – ob sie will oder nicht, schließlich ist der Mensch der Rudelführer und das Tier muss folgen.

Und was ist so schlimm daran?

Betrachten wir die Strafeinwirkungen noch mal genauer: Versteht ein Hund es wirklich als Strafe, wenn massiv auf ihn eingewirkt wird? Was ist Strafe überhaupt? Mithilfe von Strafe soll es gelingen, dem Hund zu zeigen, was er nicht tun soll – wir strafen also unerwünschtes Verhalten. Damit Strafe als solche aufgefasst wird, sind jedoch sehr viele Regeln zu beachten. Ein ganzes Regelwerk, um genau zu sein. Diese Regeln hat markertraining.de sehr schön in diesem Artikel erklärt – lest euch gerne die komplette Artikelserie durch, denn auch die Themen Nebenwirkungen und erlernte Hilflosigkeit sind ein Muss, wenn gestraft wird.

© Magnus Pomm - Fotolia.com
© Magnus Pomm – Fotolia.com

Wenn also ein Hund aus unserer Sicht bestraft wird, stellt sich die Frage, ob der Hund die Strafeinwirkung selbst als solche empfindet. Bei dem aversiven Werkzeugkoffer, den Millan mit sich schleppt, darf das bezweifelt werden, da weder Timing noch Härte angemessen sind. Er straft unlogisch, verzichtet auf den Aufbau eines Alternativverhaltens und hält sich letztlich an keine einzige der Regeln, die sinnvolles Strafen bedingt.

Das bewirkt das Strafen

Selbst, wenn alle Regeln der „Strafkunst“ eingehalten werden, stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck. Denn jedes Lebewesen, so auch der Hund, gewöhnt sich an aversive Einwirkungen. Soll erfolgreich gestraft werden, wäre es notwendig, die Gewaltspirale immer höher zu drehen, immer härter zu strafen. Irgendwann existieren nur noch zwei Alternativen: Der Hund wehrt sich oder der Hund fällt in die erlernte Hilflosigkeit.

Wehrt sich der Hund, lesen wir das morgen in allen Zeitungen. Verfällt er in die erlernte Hilflosigkeit, hören wir nichts davon. Der Hund jedoch wird seines Lebens nicht mehr froh: Er wird apathisch, er traut sich nichts mehr zu, er wird ängstlich. In allem, was er tut, verfolgt ihn die Angst, erneut Schmerzen ertragen zu müssen – und so ergibt er sich seinem traurigen Schicksal.

Strafende Zweibeiner behaupten dann gern, es bestünde eine grandiose Bindung, der Hund käme ja noch zum Schmusen. Aber was soll das für ein Leben sein, wenn man Angst hat vor der Hand, die einen streichelt und füttert? Keines, das ich meinen Hunden zumuten möchte.

Wie wenig Ahnung vom hundischen Verhalten Cesar Millan hat und dass „seine Hundepsychologie“, wie er immer sagt, nicht auf Verhaltensforschung basiert, zeigt diese hervorragende Videoanalyse:

Weitere Analysen einzelner Trainingssequenzen, genereller Methoden sowie Antworten auf typische Vorurteile von Millan-Anhängern zeigt dieser Artikel bei trainieren-statt-dominieren.de – nehmt euch bitte die Zeit, diesen Beitrag gründlich zu lesen, er ist augenöffnend!

Wann ist ein Rudel ein Rudel?

Millan und andere Trainer verweisen gerne auf das „Rudel“, in dem ein Leittier den Takt bestimmt und die Untergebenen tanzen danach. Viele Hundevereine und -schulen packen diese Theorie dahin, wo sie hingehört: in die Mottenkiste. Beobachtungen an von Menschenhand zusammengewürfelten Wölfen in Gefangenschaft haben zu diesen Theorien geführt: Hier entstand eine Art Hackordnung, und tatsächlich wurden viele Ressourcenkämpfe mit massiven Aggressionen ausgefochten.

Heute ist man schlauer: Wolfsrudel im natürlichen Lebensumfeld, ohne künstliche Zusammensetzung durch Menschenhand, ähneln unseren Familienstrukturen (s. Wolfswissen beim NABU). Es hat ein Umdenken stattgefunden und man ist sich einig, dass ein Rudel ausschließlich innerhalb einer Spezies existieren kann – und selbst hier gibt es Zweifel, ob es sich nicht eher um lose Gruppen handelt und der Begriff „Rudel“ ausschließlich für Familienverbände von Caniden verwendet werden sollte.

Hunde wissen, dass wir eine andere Spezies sind und somit kein Rudel bilden, wenngleich sie das so natürlich nicht benennen können. Wegweisend war in diesem Zusammenhang die Forschungsarbeit der Biologen Professor Ray und Lorna Coppinger, die in ihrem Werk „Hunde: Neue Erkenntnisse über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden“ (Animal Learn Verlag, 2003) vom Nachahmen des Alphatiers durch den Menschen dringend abraten:

Dem Hund macht es Angst, er lernt nichts und ist verwirrt, wenn Zweibeiner mit meist aggressiven Verhaltensweisen versuchen, wie ein Hund auf den Hund einzuwirken. Genau dies empfiehlt Millan jedoch: Verhalte dich wie ein dominanter Hund und dein Rudel erhält eine Struktur mit dir als Leittier. Falscher könnte eine Theorie nur dann noch werden, wenn jemand verlangen würde, der Hund müsse nun zusätzlich das Fliegen erlernen.

Gibt es denn gar nichts Positives an diesem TV-Hundetrainer?

Tatsächlich gibt es eine Sache, in der Millan meines Erachtens absolut recht hat: Auch er plädiert dafür, Hunde körperlich und geistig auszulasten. Das ist leider auch schon alles. Immerhin.

Aber der Respekt – wo bleibt der Respekt?

Theoretisch würde ich Millan auch zustimmen, wenn er sagt, man habe Tiere mit Respekt zu behandeln. Praktisch ist mir jedoch die Diskrepanz zwischen dieser Aussage und seinen Methoden zu groß. Hunde, die in Würgehalsbändern hochgerissen werden, denen die Luft im „Training“ wegbleibt und die brutal getreten sowie auf den Boden gedrückt werden, erfahren null Respekt von diesem Mann. Das ist respektlos und unfair. Kämpft ein Hund ums blanke Überleben und hat er Angst, stranguliert zu werden, hat dies nichts, und zwar rein gar nichts mit Respekt gegenüber diesem Lebewesen zu tun.

Aversiv versus positiv

Was machen Hundetrainer, die einschüchternde Methoden einsetzen, letzten Endes? Sie lassen Hunde ins unerwünschte Verhalten kommen, um dies – mal mehr, mal weniger heftig – zu korrigieren. Die „Korrektur“ ist nichts anderes als ein Strafversuch, auch wenn es oftmals hübsch umschrieben wird: Aus dem Leinenruck wird beispielsweise ein „Impuls“ – das klingt viel netter. Ist es allerdings nicht. Der Vierbeiner ist der Leidtragende: Er soll vor einem Auslöser des unerwünschten Verhaltens in Angst versetzt lernen. Funktioniert nicht. Das wäre in etwa so, als würde man dich foltern, während du Goethes „Prometheus“ auswendig lernen solltest. Keine Chance.

Positiv arbeitende Trainer setzen einen Schritt vor dem unerwünschten Verhalten an. Sie lassen die Pelznase nicht in die Situation rennen, um dann zu korrigieren. Sie schauen sich das Problem an, analysieren das Motiv des Vierbeiners und arbeiten genau daran. Sehen wir uns das kurz in einem Beispiel an:

Ein Hund hat Angst vor Artgenossen und geht aggressiv nach vorn bei Begegnungen. Der nicht positiv arbeitende Trainer lässt den Hund in die Falle tappen, lässt ihn sich aufregen und „korrigiert“ (straft) dann. Ob Leinenruck, Alphawurf oder Wasser: egal, das Prinzip ist dasselbe. Der positiv arbeitende Trainer lässt den Hund nicht in die Angstsituation kommen. Er vermeidet dies mit Management-Maßnahmen. Sein Ziel ist es, dass der Vierbeiner seine Emotionen zu Artgenossen verändert.

Dafür ist Abstand notwendig, denn Hunde können nur dann lernen, wenn Angst das Hirn noch nicht blockiert. Also wird der individuell zu bestimmende Abstand angewendet und mit Dingen, die der Hund toll findet, werden seine Emotionen geändert. Ist der Hund verfressen, gibt es beispielsweise immer die tollsten Köstlichkeiten, wenn andere Hunde auf der Bildfläche erscheinen, wobei darauf geachtet wird, dass der Abstand so bleibt, dass kein Angstverhalten auftritt. Bei einem spielbegeisterten Hund wird mit dem Lieblingsspielzeug gearbeitet. Gleichzeitig wird ein Alternativverhalten trainiert, das der Hund anstelle des unerwünschten Verhaltens anwenden kann – er wird handlungsfähig gemacht.

Ziel muss es sein, den Hund nicht in sein unerwünschtes Verhalten reinkommen zu lassen, erwünschtes Verhalten effizient zu verstärken und ihm eine alternative Handlungsweise an die Pfote zu geben, mit der sich Fido gut fühlt. Dann ist nachhaltiges Lernen nicht nur möglich, sondern der Hund kooperiert gern!

TV-Hundetrainer – emotionale Betrachtung

Neben den nun erörterten fachlichen Punkten möchte ich auch auf die emotionale Komponente eingehen. Ich möchte dich bitten, einmal zurückzudenken: Wie war das, als du dich für deinen Hund entschieden hast? Welche Bilder hattest du im Kopf?

Bevor unsere Ersthündin zu uns kam, hatte ich noch keine fachliche Ausbildung, ich war der klassische Ersthundehalter ohne Ahnung von Hunden. Ich sah vor meinem geistigen Auge, wie meine Hündin und ich über Wiesen rennen, wie wir in der Elbe baden, ich sah Spiele mit ihren Artgenossen, wie sie Bällen hinterherrennt … Kurzum: Ich hatte vor Augen, dass ich sie im Welpenalter umsorgen, hegen und pflegen werde und sie mir zu einer Freundin groß ziehe, die immer und überall dabei ist.

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… und dann kam die Realität

Die Realität sah anders aus. Das kleine Würmchen hatte Angst vor der großen Wiese. Wasser war genauso beängstigend und Artgenossen Feinde. Bälle interessierten sie gleich gar nicht; überhaupt war Spielzeug ziemlich fad. Ab zum Hundetrainer – der wird ja wissen, was zu tun ist.

Uns wurden die veralteten Klassiker angeraten: Beachte ihre Angst gar nicht, sonst verstärkst du sie. Wenn dein Hund Artgenossen angeht, drücke sie zu Boden – sie muss wissen, dass du der Chef bist und du das regelst. Den Ball hat sie zu holen, schließlich hast du ihr als Chef diese Anweisung gegeben. Einzig bei der Leinenführigkeit wurde mit positiver Verstärkung gearbeitet.

Freundschaftliches Zusammenleben – Fehlanzeige?

All das fühlte sich nicht gut an, das war weit entfernt von meiner freundschaftlichen Vorstellung unseres Zusammenlebens. Es half auch nichts – im Gegenteil: Die Ängste wurden größer, Artgenossen immer doofer, unsere Bindung mag oberflächlich betrachtet da gewesen sein, heute weiß ich jedoch, dass dem nicht so war. Zu Boden drücken konnte ich sie nicht, ich brachte es nicht übers Herz. Es entsprach überhaupt nicht dem ursprünglichen Bild, das ich mir vom Zusammenleben mit einem Hund gezeichnet hatte.

Richtige Vorbilder & Literatur suchen

Ich begann mein verhaltenstherapeutisches Studium, lernte, las, schaute, informierte mich. Mir begegneten positive Verstärkung, Lerntheorien und Folgen von Strafen. Ich erfuhr von Bedürfnissen, saugte den Lernstoff förmlich auf, um meine Traumvorstellung doch noch zu erreichen. Eine weitere Angsthündin, die Wurfschwester unserer Hündin, zog ein – mit einem riesigen Rucksack voll von Problemen. Ein angeblich dominant-aggressiver Hund.

Im Wesentlichen waren ihre Probleme dieselben wie die unserer Ersthündin, nur deutlich heftiger ausgeprägt, denn offenbar hatte sie noch nichts im Leben kennengelernt. Vom stehenden Auto über Artgenossen bis zum spielenden Kind war alles zu viel für diese Hündin. Gut, dass ich bereits einen Einblick in die Arbeit mit positiver Verstärkung hatte – anders hätte ich das nie hinbekommen, davon bin ich heute überzeugt.

Vom Gegeneinander zurück zum Miteinander

Heute leben hier zwei Hündinnen, die unsere Freunde sind. Wir kümmern uns umeinander, wir arbeiten gerne mit-, nicht gegeneinander. Beide Hündinnen werden zu nichts gezwungen, sondern sie kooperieren – freiwillig arbeiten sie mit, sie lernen gerne, sind unsere ständigen Begleiter. Unsere Traumvorstellungen sind zu einem Großteil wahr geworden. Selbstredend haben wir noch Baustellen.

Der langsame Weg ist jedoch der nachhaltigere, denn wir können uns sicher sein, dass unsere Hunde keineswegs in die erlernte Hilflosigkeit gefallen sind. Sie lernen wirklich etwas: Artgenossen sind nicht so wild, denen kann man auch aus dem Weg gehen und bei Frauchen gibt’s dann immer eine tolle Aktion. Auf Wiesen kann man Suchspiele unternehmen und Wasser kann sogar ein bisschen Spaß machen. Sie holen gerne und freudig den Ball. Sie sind kreativ, machen Vorschläge und finden Lösungen, wo sie vor einiger Zeit noch desorientiert waren.

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Meine Hunde – meine Freunde!

Wer seinen Hund als Freund wahrnimmt, als Weggefährte und als Familienmitglied, der kann nicht wollen, dass das Wesen dieses Begleiters gedeckelt wird. Dass Angst sein Tun beherrscht, nicht Freude. Es kann doch nicht das Ziel sein, einen dominanten Part auszufüllen und ständig in der Überzeugung zu agieren, die Dominanz des vierbeinigen Freundes zu drücken. Mal ganz im Ernst: Wäre der Mensch zu Domestikationsbeginn wirklich so selten blöd gewesen, sich ein dominantes Tier zum Jagdpartner zu machen? Das hätte nie funktioniert!

Die Mensch-Hund-Beziehung fußt auf Kooperation, und das sollte sie auch heute tun. Deshalb: Bevor ihr nachmacht, was euch TV-Hundetrainer vorschlagen, wendet euch an einen Fachmann. Arbeitet dieser mit einschüchternden Methoden, war es kein richtiger Fachmann. Training sollte immer darauf hinauslaufen, dass der Hund gerne und freudig kooperiert.

Natürlich muss er zunächst verstehen, was das Ziel ist – aber dieses Verständnis setzt voraus, dass du als verantwortungsvoller Zweibeiner ebenfalls Verständnis aufbringst, und zwar für das Wesen Hund, das nicht gedeckelt, sondern gefördert werden sollte. Wie das funktioniert, zeigen dir positiv arbeitende Trainer.

Linkliste: weitere Informationen & interessante Artikel rund um TV-Hundetrainer

Ich bin nicht die erste, die über TV-Hundetrainer im Allgemeinen und Millan im Besonderen schreibt, weshalb ich euch gerne Literaturempfehlungen geben möchte, die noch weiter beschreiben, warum diese Form des Trainings keinen Sinn macht. Unter den folgenden Links, die zum Teil als Quellen für diesen Artikel dienten, findet ihr interessant aufgearbeitete, fachliche Ansichten, nicht nur zu Millan, sondern auch zu Rütter, Nowak, weiteren Trainern und TV-Hundetraining im Allgemeinen.

 

Fotos: © Bianca Wellbrock I Gespürnase (oder s. Beschriftung)

2 Replies to “TV-Hundetrainer: „Bitte wenden Sie diese Trainingsmethoden nicht ohne den Rat eines Fachmannes an“”

  1. Ach ja…wenn man einen eigensinnigen Weimaraner sein Eigen nennt, kann man über die meisten „Erfolge“ der Hundetrainer auch nur kurz lachen. Vieles funktioniert meiner unfachmännischen Meinung nach auch nur, weil die Hunde den Trainer nicht kennen und deswegen unsicher sind. Unsere Hunde wissen, dass wir ihnen keine Schmerzen zufügen und sind deswegen von knuffen in die Seite oder ähnlichem nur irritiert bis genervt. Lerneffekt gleich Null.

    Mit der Rütteldose haben wir es auch mal probiert. Unsere beiden haben sich 1-2mal erschrocken und das nervige lärmende Ding danach einfach ignoriert.

    Und dieses Alphatier-getue ist auch mal totaler quatsch. Unser Weimaraner hat z.b. überhaupt keinen Führungsanspruch, interessiert sich aber auch genau gar nicht dafür, wenn jemand anderes, Mensch oder Hund, einen auf Alpha macht. Er zeigt einem einfach sein Hinterteil und zieht seinen Stiefel durch, komme da was wolle.

    Wie im Artikel schon gesagt, ist das einzige was langfristig gut funktioniert die positive Verstärkung. Außerdem kann man von seinem Hund auch nur genau soviel Disziplin erwarten, wie man selber im Alltag und beim Training an den Tag legt.
    Wir sind sehr glücklich mit unseren mittelgut erzogenen, eigensinnigen Hunden. ^^

    Gruß, Hannes

    1. Moin Hannes, danke für deinen Kommentar – ich habe dich eben mal aus dem Spam rausgefischt 😉
      Ja, die „bösen“ Weimaraner … Klar: unbekannte können Hunden in der Tat schneller einen Schrecken einjagen. Das wirkt beeindruckend! Bei den eigenen Zweibeinern, die sich bisher immer anständig zeigten & auf Gewalt verzichtet haben, kann nix passieren – toll, wenn euer Weimaraner das so weiß, dann habt ihr sehr viel richtig gemacht 🙂 Und SEHR GUT, dass die Rütteldose nicht mehr zum Einsatz kommt, denn das kann ordentlich nach hinten losgehen. Bei euch ging’s offenbar gar nicht los 😀
      Da sagst du was ganz, ganz wichtiges: es wäre IRRsinn, mehr Disziplin vom eigenen Hund zu erwarten als man selbst bereit ist, an den Tag zu legen – 100 % d’accord, das ist sooo wichtig! Bleibt weiterhin so glücklich mit euren Vierpfötern 🙂

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