Aggressionen bei Hunden

Schreckgespenst Aggression: wenn der eigene Vierbeiner, der im heimischen Bereich der wundervollste, liebste Hund sein kann, draußen auf Artgenossen oder artfremde Wesen losgeht, stehen wir Menschen oft ratlos da und wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Zum einen ist die ungewollte Aufmerksamkeit unangenehm. Zum anderen – und viel wichtiger: Unsere Fellnasen fühlen sich unwohl.

Was aber sind Aggressionen überhaupt? Welche Arten gibt es und kann man Aggressionen nicht auch positiv besetzen?

Aggressionen: Eine Definition

Der Begriff „Aggression“ stammt aus dem Lateinischen und lässt sich frei mit „an etwas herangehen“ übersetzen. In der heutigen Gesellschaft sind Aggressionen oft negativ besetzt und werden mit Begriffen wie „Bösartigkeit“ assoziiert. Oft interpretieren Menschen die böse Absicht dahinter, anderen zu schaden oder wehzutun, sie schlimmstenfalls sogar zu töten. Geht es hingegen um bestimmte Bereiche, etwa Sport, werden Aggressionen sogar geschätzt – in einem gewissen Maß zumindest.

Betrachten wir Aggressionen rein objektiv, haben sie auch etwas Positives: sie gehören zum Sozialverhalten einfach dazu. Bei Hunden sollten Aggressionen weder abgelehnt noch verleugnet werden – wir leben mit mehr oder minder ursprünglichen Tieren zusammen.

Einteilungen von Aggressionen

Aggressionen werden in zwischenartliche (interspezifische) und innerartliche (intraspezifische) Formen einteilen. Aggressionen dienen in sehr verschiedenen Situationen dem Wettbewerb zwischen zwei oder mehreren Wesen um Ressourcen. So lassen sich Aggressionen bei der Fortpflanzung genauso erleben wie bei der Vermeidung von Feinden oder beim Füttern unserer Hunde. Mit Ausnahme des Beutefangs sind Hunde nicht auf die Tötung des Gegners aus, wenn sie Aggressionen zeigen, sondern es geht darum, mit aggressiven Ritualen Hemmmechanismen auszulösen.

Verschiedene Aggressionstypen

Die Selbstverteidigung kommt dann zum Vorschein, wenn sich ein Hund in die Ecke gedrängt fühlt und er keinen anderen Ausweg sieht, um körperlich unversehrt aus der Situation herauszukommen. Ziel dieser Aggressionsform ist es, den Gegner auf Distanz zu bringen oder zu halten. Leinenaggressionen sind dafür ein gutes Beispiel:

Hunde fühlen sich durch die Leine der Möglichkeit beraubt, Beschwichtigungssignale zu zeigen und so zu reagieren, wie sie es wollten, etwa mit Flucht. Also setzen sie Aggressionen ein, um den entgegenkommenden Hund auf Distanz zu halten. Angsthunde leiden sehr häufig unter dieser Form der Aggression.

Befinden sich Welpen in Gefahr, kommt die elterliche Schutzaggression zum Einsatz: Fressfeinde sollen vertrieben, die Welpen vor Kindstötung bewahrt und das Territorium geschützt werden. Leben Hunde und Menschenkinder in einem Haushalt sehr eng miteinander, kann diese Aggressionsform auch gezeigt werden; oft fühlen sich Hunde für die Kinder verantwortlich.

Die Wettbewerbsaggression gehört zu den häufigsten Aggressionsformen: wenn ein bestimmtes Objekt für den Hund einen hohen subjektiven Wert hat, wird er mithilfe von Aggressionen verteidigt. Diese Wettbewerbsaggressionen sind in ihrer Stärke davon abhängig, ob dem Hund es wert ist, eventuell verletzt zu werden und so viel Kampfenergie zu verbrauchen – also auch vom Gegner und vom Objekt selbst. So kann es passieren, dass Hunde diverse Objekte, die sie gegenüber vielen Artgenossen verteidigen, einem bestimmten Artgenossen zugängig macht. Stelle dir diese Aggressionsform wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung vor: Lohnt es sich, um dieses Objekt mit diesem Gegner zu kämpfen?

Intrasexuelle Aggressionen

Bei der intrasexuellen Aggression wird gegenüber demselben Geschlecht Aggressionsverhalten gezeigt. Diese sind bei Rüden und Hündinnen sehr unterschiedlich: (vor allem unkastrierte) Rüden richten Aggressionen auf nicht im selben Haushalt lebende Hunde. Hündinnen hingegen sind eher gegen im selben Haushalt lebende Hündinnen aggressiv – gleichgeschlechtlichen fremden Tieren begegnen sie eher gelassen.

Ausnahmen bilden die Zeiten der Läufigkeit und Scheinschwangerschaften; das Konkurrenzdenken wird durch Hormone stark beeinflusst. Die häufigsten Aggressionen finden unter kastrierten Hündinnen im selben Haushalt statt. Man vermutet, dass dies mit dem Wegfall des Hormons Progesteron zusammenhängen kann, das beruhigenden Einfluss auf Hunde hat.

Kontrollkomplexbedingte & statusorientierte Aggressionen

Die kontrollkomplexbedingte Aggression findet sich überwiegend bei unsicheren Hunden, aber auch bei schlecht sozialisierten Tieren. Mit Änderungen oder Abweichungen vom üblichen Alltag kommen diese Hunde schlecht zurecht. Daraus folgend tun sie alles, um ihre Lebensumstände so beizubehalten, wie sie sind. Oftmals soll das aggressive Verhalten dazu dienen, unangenehme Situationen schnellstmöglich aus dem Weg zu räumen.

Bei der statusorientierten Aggression geht es dem Hund um die Optimierung seiner Position im Sozialgefüge des Haushalts, in dem er lebt. Entgegen der landläufigen Meinung ist diese Form der Aggression sehr, sehr selten anzutreffen. Handelt es sich tatsächlich um ein solch seltenes Exemplar, sind Hundehalter angehalten, mit einem Mix aus absoluter Konsequenz und einem extremen Feingefühl für die Stimmungen des Hundes an das Problem heranzugehen. Das Feingefühl ist extrem wichtig, um Eskalationen zu vermeiden und sowohl Hund als auch Halter zu schützen.

Weitere Aggressionsformen

Das aggressive Jagdverhalten wird dann zum Problem, wenn sich die Aggressionen zweckentfremdet zeigen: so zeigen bestimmte Hunderassen aufgrund ihrer Zuchtlinien Sequenzen aus dem Jagdverhalten, die im Alltag in Aggressionen umschlagen können, wenn sie nicht richtig kanalisiert werden. Hütehunde werden sehr häufig mit diesem Problem in Hundeschulen und bei Verhaltenstherapeuten vorstellig.

Bei aggressiven Übersprunghandlungen überträgt ein bereits erregter Hund seine Aggressionen auf einen ihn plötzlich konfrontierenden weiteren Reiz. Als Beispiel: Der Hund ist an der Leine und zeigt Leinenaggressionen gegenüber einem Artgenossen (= hohe Erregung), der sich nähert. Der Halter möchte den Hund bremsen, greift an sein Halsband (= weiterer Reiz), der Hund dreht seinen Kopf kurzerhand in Richtung der Hand des Halters und schnappt zu (= aggressive Übersprunghandlung).

Bleibt noch die pathophysiologische Aggression: sie findet ihre Ursachen im medizinischen Bereich. Es gibt Krankheiten, darunter Schilddrüsenfehlfunktionen oder epileptische Anfälle, die Hunde aggressiver werden lassen.

Sämtliche Aggressionsformen – mit Ausnahme der intrasexuellen Aggression – können intra- und interspezifisch gezeigt werden, also gegenüber artfremden Wesen und Artgenossen.

Hemmmechanismen und Eskalationsstufen

Hunde, die richtig sozialisiert sind, arbeiten sich bis zur endgültigen Eskalation erst mal nach oben: mit dem Imponiergehabe beginnt der Zermürbungskrieg. Während einer Eskalation kommunizieren und interagieren Hunde fortwährend miteinander. Es ist ihnen jederzeit möglich, zu deeskalieren, was eine Änderung ihrer emotionalen Lage voraussetzt. Eine Ausnahme bildet hier die Stufe des ungehemmten Beißvorgangs. Die Eskalationsstufen beim Hund sehen so aus:

Snarling K9

Zunächst droht der aggressive Hund ohne Körperkontakt. Erst auf Distanz („Distanzdrohen“) durch fixieren des Gegners oder Zähneblecken, dann mit Distanzunterschreitung und gelegentlichem Körperkontakt. Du erkennst diese Stufe am Umkreisen des Gegners oder am intentionalen Bellen.

Nun können Drohungen mit direktem Körperkontakt folgen: Hunde deuten gehemmtes Beißen an oder führen einen Schnauzenbiss aus. Bewegungseinschränkungen des Gegners sind die nächste Stufe. Hierbei kann der Hund aufreiten oder die T-Stellung anwenden.

Zuletzt erst kommt es zur Beschädigung, zunächst durch gehemmtes Beißen, also zwicken oder tackern, dann durch ungehemmtes Beißen, also dem Beißen in jedwede erdenkliche Körperregion.

Mögliche Ursprünge von Aggressionen

Aggressionen können verschiedene Ursprünge haben: etwa die genetische Disposition. Gerade Hunde aus bestimmten Arbeitslinien neigen mehr zu aggressivem Verhalten als der klassische Gesellschaftshund. Vererbt wird allerdings ausschließlich die Reaktionsnorm und keine kompletten Verhaltensmerkmale. Bedeutet: wie aggressiv ein Hund wird, hängt von der Entwicklung und den individuellen Lernprozess ab.

Damit kommen wir zum zweiten Einflussfaktor: die Lernerfahrung. Insbesondere die Prägungsphase in den ersten Lebenswochen und -monaten des Hundes ist relevant. Junge Hunde nutzen Sozialspiele zum Erlernen von Hemmmechanismen und Ausdrucksformen, sodass es nicht von ungefähr kommt, dass viele Spielarten aggressive Komponenten wie spielerisches Beißen und Drohen enthalten. Hunden geht es immer darum, Situationen mit geringstmöglichem Schaden zu überstehen. Sieht ein Hund eine Alternative zur Aggression, nutzt er diese auch. Damit spielt auch der situative Kontext eine erhebliche Rolle.

Relevant ist außerdem der psychische, der physische sowie der physiologische Zustand des Hundes: gibt es Unstimmigkeiten in diesen Bereichen, sind Aggressionen wahrscheinlicher. Belastungen wie hormonelle Fehlfunktionen, Verletzungen, Angst oder Stress können das Aggressionspotenzial noch wesentlich steigern.

Aggressiver Hund – was tun?

Es ist wichtig, dass du als Halter eines aggressiven Hundes in der Lage bist, die Emotionen, aber auch die Motivation deines Vierbeiners richtig einzuschätzen. Nur so kannst du ihm dabei helfen, zu deeskalieren. Je nach Situation und Ausprägung der Aggressionen deines Hundes geschieht das durch konsequentes Management von Krisensituationen und gezielt eingesetztem Training.

Krisenmanagement beinhaltet beispielsweise Maulkorb und Leine: Sicherheit geht immer vor! Bitte achte zudem unbedingt darauf, dass du dich für gewaltfreie Trainingsmethoden entscheidest. Denn Aggressionen lassen sich nicht mit Gegengewalt lösen!

 

Fotos:
Titelbild: © tverkhovinets – Fotolia.com
Artikelbild: © Michael Ireland – Fotolia.com

2 Kommentare bei „Aggressionen bei Hunden“

  1. SEHR gut beschrieben/differenziert ! Ich hatte schon sehr viele, ganz unterschiedliche Hunde… Zum Glück, ohne große Probleme mit „Aggressionen“ ( zumindest nicht nach MEINEM Verständniss ). Ganz anders sieht es aber täglich bei Begegnungen mit anderen Hunden aus ( und mit der Reaktion/en meines/r Hund/e aus…
    Erstaunlicherweise habe ich nach 40 Jahren ( mein 31. Hund: weil immer Rudel… ) nun ein Exemplar, das MIR ziemlich genau sagt, ob der „knurrende, kläffende, geifernde“ Hund gegenüber WIRKLICH aggressiv ist, oder nur unsicher/ängstlich…
    Er ( Chow Chow Rüde, 2,5 Jahre alt, sehr gut sozialisiert und souverän ) wurde in seiner Jugend oft „grundlos“ angegangen und auch gebissen… = Er hat nie mit „Unterwerfung“ reagiert, blieb ( bis auf eine Ausnahme: 2 große Rüden haben ihn durch die Gegend gejagt“ ) immer SEHR ruhig.
    Als er ca. 18 Monate alt war, knurrte er erstmal einen ( Dauer-)“Droher“ ( keinen „Pöbler“ ) an…
    Seitdem macht er einen noch deutlicheren Unterschied, ob er nun von einer Hündin ( die dürfen alles ), einem Welpen/Junghund ( die dürfen fast alles ), einem ängstlichen Hund ( díe will er oft „zum Spiel überreden“ ), einem wirklich selbstbewussten Artgenossen ( da hält er sich höflich zurück ), einem Kleineren ( da wartet er sehr lange, ehe er überhaupt reagiert, und dann nur, indem er weg geht ) oder eben einem „Herausforderer“ begegnet ( DA wird er dann allerdings RICHTIG sauer ! ).
    Vielleicht liegt es daran, dass ich nun nur EINEN Hund habe, und mich so mehr auf ihr konzentrieren (?)Aber, mein Hund zeigt mir/uns Tag für Tag, dass ihre ausführlichen Beschreibungen für einen GUT-sozialisierten Hund ein „Kinderspiel“ sind ( wahrscheinlich fragt ER sich, warum ICH nicht sehe, was da passiert ) *LACH*
    Fazit; ICH muss noch lernen, mehr auf meinen Hund zu schauen/ihm vertrauen ( und ihn nur manchmal bremsen, wenn er meint, dass er mit dem „Bernhadinermix, der ihn anderthalb Jahre lang „anmachte“, nun noch etwas „klären“ zu müssen 😉
    TOLLER ARTIKEL – DANKE !

    1. Vielen Dank für deinen tollen Kommentar, Manuel – es ist toll, wie dein Chow Chow da differenziert! Hunde zeigen uns so viel und ich finde jeden Menschen großartig, der bereit ist, hinzuschauen und sich für die Kommunikation des Hundes zu öffnen. Weiter so mit euch beiden – DAS klingt nach TEAM 🙂

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