Antijagdtraining Teil 2: Jagdersatztraining

Im ersten Teil der Serie „Antijagdtraining“ haben wir festgestellt, dass das Wort „Antijagdtraining“ nur bedingt treffend ist: Du möchtest deinen Hund nicht verbiegen oder hemmen, sondern das Training sollte idealerweise auf ein Miteinander hinauslaufen. Darum soll es im heutigen Beitrag gehen: ich stelle euch das Jagdersatztraining vor, bevor wir zu der Möglichkeit kommen, deinen Hund vorstehen zu lassen.

JagdErsatzTraining: Mit JET zu mehr Kooperation

Gehörst du zu den Hundehaltern, die ein Miteinander anstreben, ist das Jagdersatztraining sicher spannend für dich! JET, das kürzt „JagdErsatzTraining“ elegant ab, stammt übrigens von der Trainerin Eva Zaugg, die mit ihrem Hund Sindra eine gewaltfreie Lösung suchte und ihr System 2012 erstmals der Öffentlichkeit auf markertraining.de zugänglich machte.

Das Antijagdtraining in dieser Form trägt zur viel zitierten Bindung bei, da du die Kooperationsbereitschaft deines Hundes (und deine eigene 😉 ) erheblich stärkst. Dem unerwünschten Jagdverhalten begegnest du mit positiver Verstärkung und verzichtest auf das Hemmen natürlicher Eigenschaften deines Hundes. Mit JET lässt du dich auf die Bedürfnisse deiner Pelznase ein, bewirkst Kooperation und kannst deinen Hund dadurch leichter lenken.

Oder besser ausgedrückt: du stärkst angemessenes Jagdverhalten und hältst deinen Hund noch artgerechter.

Angemessenes Jagdverhalten fördern?

Bist du gerade über den Satz gestolpert, angemessenes Jagdverhalten zu stärken? Blicken wir zur Erklärung noch mal auf die jagdlichen Verhaltensmuster:

Orten – Fixieren – Anschleichen – Hetzen – Packen – Töten

Wie schon im 1. Teil festgestellt, sind die ersten drei Verhaltensmuster für sich genommen unproblematisch, erst ab dem Hetzen wird es unschön. Orten, fixieren und anschleichen sind also jene Verhalten, die wir bedenkenlos stärken können. Sie sind nicht nur „angemessen“ (schaden also niemandem), sondern sie sind natürliche Bedürfnisse deines Hundes. Du unterstützt mit JET also Verhaltensweisen, die du deinem Hund nicht erst beibringen musst. Er hat sie bereits in seinem Verhaltensrepertoire. Jedoch kennt dein Hund bislang noch nicht die Begrifflichkeiten, deshalb soll es im ersten Schritt darum gehen, dem jeweiligen Verhalten einen Namen zu geben (Signalkontrolle).

Antijagdtraining: Beobachte. Immer. Und dann wieder.

Um mit dem Jagdersatztraining voranzukommen, ist es von ungeheurer Wichtigkeit, dass du deinen Hund bzw. seine Körpersprache sehr gut kennen und einschätzen kannst. Das hat den Hintergrund, dass verschiedene (Jagd-)Hunderassen für unterschiedliche Bereiche eingesetzt werden und sie die jagdlichen Verhaltensmuster verschieden stark ausgeprägt zeigen.

Treibhunde beispielsweise verbinden das Orten, Fixieren, Anpirschen und Hetzen oft und heftig miteinander, während das Packen und Töten der Beute schwach ausgeprägt sind oder gar fehlen. Pointer orten und fixieren für gewöhnlich, alles weitere ist schwach ausgeprägt oder fehlt (Leseempfehlung mit Tabelle zur Ausprägung des Jagdverhaltens verschiedener Hundetypen auf S. 215: „Hunde: Neue Erkenntnisse über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden„, R. & L. Coppinger, B. Weinzinger, animal learn Verlag).

Pointer

Deine erste Hausaufgabe besteht also darin, zu analysieren, welche Jagdhandlungen dein Hund besonders intensiv ausführt. Bewaffne dich mit Zettel und Stift und ab in den Wald – nimm bitte die Schleppleine mit, denn wir wollen ja auf alles verzichten, was dem Anschleichen folgt. Hast du herausgefunden, welche Verhaltensweisen dein Hund besonders gerne zeigt, kannst du diese künftig als Belohnung einsetzen. Denn: damit eine Belohnung verstärkenden Charakter haben kann, muss sie ein aktuelles Bedürfnis deines Hundes befriedigen.

Jagdersatztraining nutzt Verhalten, welches der Hund ohnehin zeigt

Nehmen wir nun an, dein Hund ortet bereits das Wild – seine Augen und seine Nase scannen die Umgebung auf mögliche Beute ab. Das ist ein Verhalten, das in deiner Nähe stattfinden kann. Du kannst es verstärken und somit dafür sorgen, dass dein Hund häufiger und stärker ortet, dass er diese Verhaltensweise immer zügiger zeigt und dass sie immer länger andauert. Letzteres hat gleichzeitig zur Folge, den Drang zum Hetzen weiter hinauszuzögern.

Dafür ist es unabdingbar, dass du die Bewegungsabfolge deines Hundes ganz genau kennst. Beobachte immer wieder, welche Bewegungen und welches Verhalten dein Hund zeigt, bevor, während und nachdem er Wild (oder eine andere Beute) gesichtet hat. Setze anschließend Prioritäten: Welche dieser Verhaltensweisen richten keinerlei Schaden an? Womit kannst du also arbeiten? Welche Verhaltensweisen sind unerwünscht und müssen in erwünschte Bahnen gelenkt werden? Und welche sind absolut indiskutabel und gehören unterbunden?

Nein, mit „unterbinden“ meine ich keinesfalls, dass du deinen Hund bestrafen sollst! Setze jedoch sinnvolle Grenzen: Trainiere mit einer Schleppleine, grenze den Aktionsradius deines Hundes so ein, dass er weder hetzen noch packen oder gar töten kann. Innerhalb dieser Begrenzung können wir nun kleinschrittig die Verhaltensweisen stärken, mit denen wir Kooperation bewirken wollen.

Grenzen durch Leine

Jagdersatztraining: was möchtest du erreichen?

Nachdem du deinen Hund so ausgiebig beobachtet hast, dass du seine Bedürfnisse kennst und weißt, welche Verhaltensweisen er beim Jagen an den Tag legt, und nachdem du dir Management-Maßnahmen wie Training an der Schleppleine überlegt hast, soll es um deine Ziele gehen. Was möchtest du genau erreichen? „Dass mein Hund nicht jagen geht“, ist eine sehr ungenaue Aussage.

Werde konkreter: Du möchtest beispielsweise, dass sich dein Hund zuverlässig stoppen lässt. Oder dass er beim Sichten/ Wittern von Wild in deiner Nähe bleibt. Benenne konkret, was du mit dem Antijagdtraining erreichen möchten.

Signalkontrolle: das Jagdersatztraining beginnt

Bist du dir auch darüber im Klaren, kannst du zunächst in ablenkungsfreier Umgebung mit dem Training beginnen, indem du die Signalkontrolle startest. Bedeutet: wittert dein Hund etwas, überlegst du dir für diesen Vorgang ein Signal und wiederholst dieses immer dann, wenn dein Hund wittert. Mit unseren Hunden verwenden wir die folgenden Signale für die jeweilige Verhaltensweise:

  • „Scan“: wenn unsere Hunde die Nasen in die Luft halten und die Augen zum „Abscannen“ der Umgebung verwenden, geben wir „scan“ als Signal.
  • „Schnüffeln“: zum Verfolgen einer Fährte, wenn also die Nase am Boden ist, gehen wir „schnüffeln“
  • „Zerren“: anstatt ein einst lebendes Subjekt tot zu schütteln, kanalisieren wir dieses unerwünschte Verhalten mit einem Zerrspiel
  • „hinterher“: anstatt den Hasen zu jagen, der vorweg übers Feld hetzt, lassen wir die Hunde Leckerchen „jagen“, die wir über den Boden rollen. Gestartet wird dieses Spiel mit „hinterher“.

Ersatztraining braucht Ersatzbeute

Unsere Hunde sind überhaupt nicht objektinteressiert: Hetzspiele mit Ball oder Kong finden sie ziemlich öde. Geht dein Hund jedoch darauf ab, ist das ein idealer Ersatz fürs Hetzen. Konkret laufen Jagdsequenzen bei uns so ab: ein Hase springt aus dem Gebüsch und gibt Fersengeld. Der Hund bekommt mit dem Signal „scan“ die Möglichkeit, dem Hasen hinterherzuschauen. Dabei reagieren unsere beiden Hündinnen gleich: sie setzen sich ruhig, die Leine ist locker und sie schauen. Das war mal ganz anders; auch wir hatten zwei in der Leine hängende Hetz-Fanatiker.

Ist die nötige Ruhe eingekehrt, was mittlerweile sehr zügig geschieht, verfolgen wir mit „schnüffeln“ die Fährte noch eine Zeitlang und daraufhin lassen sich die beiden hervorragend umlenken. Wir „jagen“ noch einige Leckerchen und gehen unserer Wege. Auch Futter-Suchspiele oder das Apportieren des Futterbeutels sind willkommene Mittel unserer Hunde – wir belohnen variabel, was bedeutet, dass wir anhand der Körpersprache der Hunde herausfinden, welches Bedürfnis sie aktuell haben. Und das, was dem am nächsten kommt, unternehmen wir.

beduerfnisse

Bleibe wachsam: Bedürfnisse ändern sich mit der Zeit und je mehr dein Hund mit dir kooperiert, umso mehr kann es sein, dass sich Bedürfnisse verschieben. So kann aus dem Bedürfnis, etwas zu hetzen, aufgrund der Kooperation mit dir das Bedürfnis stärker werden, den Futterbeutel zu apportieren. Achte auf die Körpersprache deiner Fellnase, und dir entgeht kein Bedürfnis mehr.

Entspannung nicht vergessen

Jagen ist aufregend! Beim Jagdersatztraining kann es passieren, dass du deinen Hund weiter hochpushst, etwa wenn das Hetzen bei deinem vierbeinigen Jagdfreund besonders stark ausgeprägt ist und du ihn Kong & Co. hetzen lässt. Baue deshalb nach solch aufregenden Jagdsequenzen eine Entspannungssequenz ein, damit sich Aufregung und Entspannung die Waage halten. Achte außerdem darauf, dass dein Hund kein Balljunkie wird – das kann gefährlich werden.

Möchtest du von der ablenkungsarmen in eine aufregendere Umgebung wechseln, kannst du es gerne mal im Wildpark probieren. Hier sind die Tiere sicher, dein Hund befindet sich an der Leine und du kannst gefahrlos mit Wild um dich herum wunderbar arbeiten. Wenn du dich hinaus wagst, bedenke bitte, dass du eventuell einige Schritte zurückgehen musst. Hunde generalisieren sehr schlecht und nur, weil es im Garten mit der streunenden Nachbarskatze schon recht gut klappt, heißt es nicht, dass es auch im Wildpark oder im Wald funktioniert. Stelle dich darauf ein, gegebenenfalls kleinschrittiger zu arbeiten.

Antijagdtraining: dank JET weg vom Schrecken, hin zum Miteinander

Nicht selten hört man nach dem Beschreiben des Jagdersatztrainings: „Wie lange muss ich das jetzt so machen?“ – Glaube mir: nach geraumer Zeit stellt sich diese Frage gar nicht mehr. Denn du wirst wunderbare gemeinsame Zeiten erleben, in denen du und dein Hund einfach miteinander seid – artgerecht, vertrauensvoll und kooperativ. Der Schrecken, der dich womöglich einst überkam, wenn du ein Reh gesehen oder deinem Hund mit gequältem Blick beim Losstarten beobachtet hast, verschwindet.

Passe das Training der Geschwindigkeit deines vierbeinigen Jagdpartners an, damit du ihn nicht nur noch besser kennenlernen, sondern auch das Jagdersatztraining effizienter gestaltest. Wenn JET einmal verinnerlicht ist, steht kein Muss mehr dahinter. Es ist ein sehr tiefes, inniges Gefühl, gemeinsam mit Hund zu jagen bzw. entsprechende Bedürfnis-orientierte Ersatzhandlungen zu gestalten. So wird das Training immer mehr zur gemeinsamen Beschäftigung, die beide Seiten (und auch das nicht-gehetzte Wild) sehr genießen.

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Hol‘ dir Unterstützung!

Ein wichtiges Wort zum Schluss: Beim Jagdersatztraining ist das Timing sehr wichtig für den Erfolg. Idealerweise übst du, zumindest für die ersten Male, mit einem kompetenten und gewaltfrei arbeitenden Trainer an deiner Seite. Es gibt sehr viele Details zu beachten, mehr als man in einem Blogbeitrag erwähnen könnte. Hunde sind zudem, wie ihre Menschen, sehr individuell, da hilft professionelle Unterstützung ungemein!

 

Fotos:
Titelbild: „_MG_8856“ von Mike Sinko, Lizenz: CC BY-SA 2.0
Artikelbilder:
Sam Winter“ von Harold Meerveld, Lizenz: CC BY 2.0
Man and Hound“ von Hartwig HKD, Lizenz: CC BY-ND 2.0
happy aggie“ von patchattack, Lizenz: CC BY-SA 2.0
„wonder“ von patchattack, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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