Antijagdtraining: wenn die Passion des Hundes zum Problem wird

„Ich habe hier einen Problemhund“, hören Hundetrainer immer wieder von Kunden beim Erstkontakt am Telefon. Übermäßiges Jagen sei das Problem. Also geht es gar nicht um einen Problem-, sondern um einen Jagdhund oder um einen Hund, der einfach gerne jagt. Der Mensch hat verständlicher Weise ein Problem mit dieser Ambition: weder die Nachbarskatze noch das Reh im Wald sollen den Hund dazu verführen, hinterher zu sprinten.

 

 

Audio-Version (powered by SpeakStaff, Sprecher: Tom W. Wolf)

Antijagdtraining: Fälle aus der Praxis

Herr W. hat einen Dackel. Er beschreibt gemeinsame Spaziergänge als alles andere als entspannt: „Daisy hat ihren eigenen Kopf. Da ist nichts mehr mit abrufen. Sie liebt es, Hasen nachzujagen oder sich in Dachsbauten zu buddeln. Ich warte dann schon mal eine gute Stunde auf Daisy, bis sie von ihrer Jagd zurückkommt. Wir haben schon so viel probiert, aber nichts wollte so richtig klappen.“

Auch der Setter-Rüde Richard machte sich regelmäßig aus dem Staub. Die Familie berichtete, sie gingen nur noch ungern an der Elbe spazieren, da Richard in beeindruckender Regelmäßigkeit den Enten und Gänsen hinterherjagt.

Mit falschen Vorstellungen vom West Highland Terrier verliebte sich Herr C. in die kleine Lilly. Die fand es auf der Couch von Herrn C. ziemlich langweilig und gestaltete lieber den Garten um. Du hättest die beeindruckenden Krater sehen sollen, die Lilly im Garten gebuddelt hatte! Herr C. war nicht sonderlich amüsiert (aber doch auch irgendwie beeindruckt). Dem neuen Halter war nicht klar, dass die aus England stammenden Hunde begnadete Rattenfänger sind.

Tessa, die Jack Russel Terrier-Hündin von Familie S., mischte die Familienidylle ordentlich auf, als sie über den Gartenzaun sprang und ihrer eigenen Wege ging. Familie S. lebt direkt an einem Feld, Rehe und Hasen kommen bis an den Gartenzaun und wie sich die Mäuschen im Erdreich tummeln, kann man sich lebhaft vorstellen. Fette Beute also für Tessa!

Der schönen Alba, einer sanften Galga, gelang es sogar, sich aus ihrem Geschirr herauszuwinden, als ihre Menschen mit ihr am Feldrand spazierengingen. Zu verlockend waren die Rehe, die Alba in weiter Ferne sah. Da Windhunde nun mal schnell wie der Wind sind, war es eine sinnlose Bemühung, reagieren zu wollen. Alba war weg und kehrte erst nach 1,5 sorgenvollen Stunden zurück.

galgo

Galgos bzw. Windhunde, Dackel, Terrier, Weimaraner, Deutsch Drahthaar sowie Hütehunde wie der Australien Shepherd und auch typische Begleithunde wie Dalmatiner oder Havaneser: sie jagen. Die einzelnen Jagdsequenzen sind unterschiedlich ausgeprägt, jedoch liegt es all diesen und weiteren (Jagd-)Hunderassen einfach im Blut. Sie sind keine Problemhunde, sondern wir Menschen haben ein Problem mit ihrem natürlichen Verhalten. Und dass wir dieses Verhalten als problematisch empfinden, hat absolut seine Berechtigung. Was tun?

„Antijagdtraining“ ist eigentlich nicht ganz richtig

„Antijagdtraining“ … das klingt, als würdest du planen, das Wesen deines Hundes zu hemmen und zu verbiegen. Leider existiert in einigen Köpfen noch die Auffassung, dass es nur etwas grober Behandlung bedarf und schon sei das Jagen dem Hund auszutreiben. Nein, das funktioniert nicht – und wenn doch, dann leidet der Hund arg darunter. Jüngst wurde ich etwa gefragt, ob nicht ein Stromreizgerät hilfreich sein könnte.

Klar, es ist ziemlich einfach, ein Knöpfchen zu drücken. Jedoch sind Stromreizgeräte aus gutem Grund verboten. Und es kann keine Lösung sein, dem Hund Schmerzen zuzufügen, um ihn von seinen natürlichen Instinkten abzuhalten. Hinzu kommt, dass ein Stromstoß (oder sonstige Gewalteinwirkung) dem Hund nicht sagt, wie er sonst mit der Situation umgehen kann. Ein Alternativverhalten wird dabei nicht geschaffen, sodass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sich der Hund an die Gewalteinwirkung gewöhnt und trotzdem jagen geht.

Effizientes Antijagdtraining

Ein effizientes Antijagdtraining ist gar nicht so „anti“. Das Jagdverhalten wird keineswegs unterbrochen oder gehemmt, sondern du lenkst es in Bahnen, die du nicht nur vertreten kannst, sondern die dir und deinem Hund fantastische gemeinsame Momente bescheren. Per Definition ist das Jagdverhalten dem Funktionskreis der Nahrungsbeschaffung zuzuordnen. Du wirst ordentlich Eindruck auf deine Pelznase machen, wenn ihr künftig zusammen jagt! Werfen wir einen Blick auf die jagdlichen Verhaltensmuster, die von Rasse zu Rasse verschieden stark ausgeprägt sind:

Orten – Fixieren – Anschleichen – Hetzen – Packen – Töten

Nimmst du lediglich die ersten drei Verhaltensweisen, sind diese – für sich genommen – grandios unproblematisch. Auf die letzten drei trifft das so gar nicht zu. Und ist der vierte Punkt, das Hetzen, erreicht, wird es nahzu unmöglich, den Hund abzurufen. Das liegt daran, dass alle jagdlichen Verhaltensmuster selbstbelohnend sind. Jagt deine Pelznase, befindet sie sich inmitten seiner eigenen Motivation.

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Jagdersatztraining und Vorstehen

Im Antijagdtraining kann es also keinesfalls darum gehen, das Jagen zu unterbinden. Du hättest mit diesem Versuch keine Chance, da es um selbstbelohnendes Verhalten geht. Die einzige Möglichkeit würde sich durch Gewalteinwirkung ergeben, und das kannst du nicht wollen. In den kommenden Blogbeiträgen stellen wir das Jagdersatztraining vor, außerdem möchten wir uns mit der Idee beschäftigen, den Hund vorstehen zu lassen. Anstatt die absolut natürlichen Muster deines Hundes zu hemmen, lernst du, wie ihr künftig gemeinsam auf die Jagd geht – ohne dass dein Hund ausbüxt oder tatsächlich ein anderes Tier verletzt.

 

 

Fotos:
Titelbild: © Bianca Wellbrock I Gespürnase
Artikelbilder:
galgo“ von Lucygrafie, Lizenz: CC BY-ND 2.0
Barf you see me“ von Ronnie Meijer, Lizenz: CC BY-SA 2.0

2 Kommentare bei „Antijagdtraining: wenn die Passion des Hundes zum Problem wird“

  1. Hi Bianca!
    Manchmal ist es schon lustig was man alles findet, wenn man sich selbst googlet. 😉
    Ich freu mich jedenfalls, dass eins meiner Fotos in Deinem sehr gelungenen Artikel Verwendung gefunden hat.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Claudia

    1. Moin Claudia,

      vielen Dank für die Blumen – freut mich sehr, dass du dein Foto „richtig platziert“ siehst 🙂 Ich mag deine Fotos – und wenn wir eh grad in Kontakt kommen, folge ich dir gleich mal bei Flickr; fotografisch sind wir, glaub ich, relativ nah beieinander, was den Anspruch an Natürlichkeit angeht 🙂

      Liebe Grüße,
      Bianca

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