Balljunkies: spielsüchtige Hunde

Hunde lieben spielen – meistens zumindest, und zwar ihr Leben lang. Sowohl mit Artgenossen als auch mit Menschen. Aber da gibt es auch die traurigen Kreaturen, die ihre Sozialkontakte zugunsten von Spielzeug vernachlässigen: Ball- und Stöckchenjunkies, jederzeit und überall auf der Suche nach einer neuen Gelegenheit, hinterherzuhechten, zu fangen und zu bringen. Spielsüchtige Hunde sind wirklich nicht zu beneiden.

Ob Ball oder Kong, Frisbee oder Stöckchen: Es ist nicht gesund, wenn der Vierbeiner aufdringlich und unermüdlich versucht, den Menschen dazu zu bewegen, das Ding wieder fliegen zu lassen. Viele Hunde steigern sich dann in Bellattacken, werden wütend, wissen nicht, wie sie mit dem Stress umgehen können. Es läuft etwas schief, wenn der Hund den Menschen starr fixiert, um seinen nächsten „Schuss“ zu bekommen und gar nicht mehr an Sozialkontakten interessiert ist.

Spielsüchtige Hunde?

Ich möchte vorweg stellen, dass es sehr gesund ist, mit unseren Hunden zu spielen. Das gemeinsame Spiel fördert die Bindung zwischen Hund und Halter immens und du trägst dazu bei, dass sich dein Hund sicher und wohl in deiner Umgebung fühlt. Vielmehr geht es um das richtige Maß beim Spielen mit Hunden. Oft ist der Weg von der Spielliebe zur Spielsucht schleichend, schließlich freuen wir Menschen uns, wenn das Ballwerfen dem Hund so viel Freude bereitet. Den meisten Zweibeinern wird allerdings zu spät bewusst, dass ihr Hund mittlerweile spielsüchtig ist und welche immensen Probleme damit einhergehen können.

 

Die Aufmerksamkeit liegt nur noch beim Objekt der Begierde
Die Aufmerksamkeit liegt nur noch beim Objekt der Begierde

 

Du erkennst spielsüchtige Hunde daran, dass sie kein Halten mehr kennen. Der Hund fordert seinen Halter in allen erdenklichen Situationen zum Spiel auf, übersieht Artgenossen und artfremde Wesen, taxiert ausschließlich den Spielgegenstand und sucht sich natürliche Alternativen wie Stöckchen, Tannenzapfen, notfalls auch Steine, wenn der Halter Ball, Kong oder Frisbee wegpackt. Hunde, die ein Problem mit ihrem Spielverhalten haben, geben einfach keine Ruhe und fordern ohne Unterlass.

Kann man wirklich von einer „Sucht“ sprechen?

Von einer Sucht sprechen wir bei Menschen, wenn sie folgende Eigenschaften erfüllen: sie wollen einen bestimmten Erlebniszustand regelmäßig wiederherstellen, was die Entfaltung ihrer Persönlichkeit genauso hemmen kann wie ihre Sozialkontakte. Die Selbstkontrolle geht verloren und der Mensch leidet unter körperlichen, sozialen und psychischen Folgen. Die Seite caritas.de zitiert in ihrer Definition von Sucht die WHO, wenn du weiterführende Informationen möchtest.

 

Wenn kein Ball in der Nähe ist, tut es auch ein Stock
Wenn kein Ball in der Nähe ist, tut es auch ein Stock

 

Unseren vierbeinigen Freunden dürfte es nicht viel anders gehen: spielsüchtige Hunde kennen kein „Genug“ von ihrer liebsten Tätigkeit. Erst, wenn der Hund ruhiggestellt oder das Objekt der Begierde weggepackt wurde, ohne dass es Alternativen gäbe, gibt es eine Chance auf Ruhe. Bei der kleinsten Bewegung allerdings steht der spielsüchtige Hund wieder auf der Matte, bereit für seinen nächsten Adrenalinstoß. Er fixiert seinen Menschen und/ oder das Objekt, fordert das Werfen oder Schießen (oft lautstark) ein und hat keine Chance, sich zu entspannen. Wie auch, will er doch seinen Einsatz, seiner Beute hinterherjagen zu können, nicht verpassen.

Die körperlichen Folgen für spielsüchtige Hunde

Spielsüchtige Hunde stehen permanent unter Strom – das ist Stress, den der Körper nicht bewältigen kann. Im Gehirn passiert eine Umstellung auf den Überlebensmodus: Adrenalin und Cortisol werden verstärkt ausgeschüttet, wodurch Herzaktivität und Blutdruck steigen. Der Körper stellt vermeintlich unwichtige Funktionen wie die Verdauung oder die Nahrungsaufnahme hinten an.

Der komplette Organismus ist in höchster Alarmbereitschaft – wenn es wirklich ums Überleben geht, sind das sinnvolle Reaktionen. Ist diese Belastung allerdings ein länger anhaltender Zustand, kann es über kurz oder lang zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen.

 

Frisbee als Jagdalternative?
Frisbee als Jagdalternative?

 

Noch mal: Hunde lieben und brauchen das Spielen. Und weil es den Vierbeinern einen solchen Spaß bereitet, übersehen viele Hundehalter die extrem hohe Erregung im Spiel. Wenn nach Phasen hoher Belastung keine längeren Erholungsphasen folgen, können Adrenalin und Cortisol nicht abgebaut werden. Je häufiger ein Hund unter einer solch hohen Erregung steht, umso länger braucht der Prozess des Abbaus.

Neben der hohen Erregung durch das Spielen selbst steigern folgende Faktoren den nicht zu bewältigenden Stress unserer Hunde: primäre Bedürfnisse wie Schlaf, Hunger oder Durst werden nicht erfüllt und soziale Aspekte werden komplett ignoriert (woraus sich Aggressions- und Angstproblematiken entwickeln können).

Gesundheitliche Folgen aus physikalischen Belastungen

Abgesehen von dem unbewältigbarem Stress eines „Balljunkies“ können auch die physischen Belastungen immens sein: Durchs Abbremsen können Rückenverletzungen, insbesondere im Bereich Bandscheiben/ Wirbelsäule entstehen, Bänder-, Sehnen und Knieverletzungen sind häufig, auch Prellungen, Zerrungen, Brüche, Quetschungen oder Stauchungen.

Es kann zu Verletzungen an den Nägeln, den Zehen, den Ballen, im Rachen und am Hals kommen, kleine Gegenstände wie Stöckchen, Tannenzapfen, Steine oder auch Bälle können verschluckt werden, aufgrund der Körperüberhitzung ist ein Hitzschlag möglich. Die körperliche Überforderung kann zu Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Durchfall, Fieber und sogar Hyperaktivität führen. All das sind nur einige Beispiele der physischen Folgen.

Wie kann es überhaupt zu Spielsucht kommen?

Es ist großartig, wenn du deinen Hund geistig und körperlich fordern und fördern möchtest – immer seinem Temperament, seiner Gesundheit und seinem Alter entsprechend. Das Gassigehen ist für Hunde in aller Regel nichts anderes als eine Erkundungstour. Es gibt Hunde, denen es reichen mag, hier und da zu schnüffeln und die eigene Duftmarke zu hinterlassen.

Allerdings langweilen sich viele Hunde, wenn es keine Abwechslung dazu gibt. Was folgt, ist ein Verselbstständigen: es wird nach Mäusen gegraben, Spuren von Wildtieren werden aufgespürt, anderen Tieren wie Eichhörnchen oder Katzen nachgejagt. Nicht nur, aber gerade jagdambitionierte Hunde laufen Gefahr, spielsüchtige Hunde zu werden. Warum?

 

Sehr hoher Erregungszustand
Sehr hoher Erregungszustand

 

Weil der verantwortungsbewusste Halter natürlich weiß, dass das Jagen in unserer Gesellschaft nicht gern gesehen wird. Also lenken sie die Aufmerksamkeit des Hundes auf Spielzeug, und wenn der übliche Gassigang mit Zeitung lesen am Wegesrand einfach zu langweilig ist, fordern diese Hunde. Wieder und wieder. Bis … ja, bis der Halter, der es ja nur gut meinte, den Ball einmal mehr rausholt und seiner Fellnase diesen Spaß gönnt.

Nun hat dieses Verhalten eine sehr gute Chance, sich einzubürgern. Die Zeichen stehen günstig, dass diese Halter sich gerade spielsüchtige Hunde anerziehen. Schon nach sehr kurzer Zeit kann sich Suchtverhalten zeigen, dafür ist kein jahrelanges Werfen nötig. Auch die folgenden Umstände können dafür sorgen, dass Ihr Hund spielsüchtig wird:

  • der Hund ist schnell erregbar durch verschiedene innere und äußere Reize. Die Gründe für diese schnelle Erregbarkeit liegen meist in der Vergangenheit: während der Trächtigkeit oder Geburt gab es unbewältigbaren Stress, die Aufzuchtbedingungen beim Züchter waren ungünstig, usw.
  • der Hund hat durchs Nachahmen und Beobachten gelernt.
  • selbstbelohnendes Verhalten: für Hunde ist das Fixieren und Bellen, also das Fordern, an sich schon selbstbelohnend oder du als Halter hast unbewusst für diese Belohnung gesorgt (beispielsweise dadurch, dass du den Ball nach dem Einfordern seitens des Hundes doch hervorgezaubert hast).
  • Rassedisposition, wobei davon insbesondere Arbeitshunde betroffen sind.
  • Unterbeschäftigung und Langeweile.
  • schon während des Welpenalters wurde zu lang, wild und überdreht gespielt.

Was tun?

Dein Ziel kann es nur sein, die Ausgeglichenheit deines Hundes wiederherzustellen. Es gibt Dinge, die du nicht beeinflussen konntest: vielleicht war die Aufzucht beim Züchter nicht zeitgemäß, vielleicht hatte schon die Mutterhündin ein unsicheres Wesen, vielleicht wurde dein Hund, den du aus dem Tierschutz hast, nicht ausreichend sozialisiert, vielleicht hat dein Vierbeiner aus dem Tierheim eine schlechte Vergangenheit und du hast ihn schon als Balljunkie zu dir genommen.

Es gibt also viele Gründe und alles, was du nun mit deinem spielsüchtigen Hund unternimmst, sollte kein Leistungsdenken beinhalten. Vielmehr gilt es, sinnvolle Lerngelegenheiten für deinen Hund zu schaffen. Ohne den Hund zu überfordern, geht es darum, Hunde körperlich und geistig zu fordern (mir persönlich gefällt das Wort „fördern“ deutlich besser; es lässt das Leistungsdenken gar nicht erst aufkommen).

Es gilt, Aktivitäten zu finden, die dem Temperament, dem Alter, den rassespezifischen Bedürfnissen sowie dem Konditionsstand deines Hundes entsprechen. Weiter bist du als Halter gefordert, den Erregungsgrad deines Hundes erkennen zu können, um Überforderungen und Langeweile zu lokalisieren.

 

Schnüffelspiele sind herrlich!
Schnüffelspiele sind herrlich!

Haben du einen Hund, der schnell erregbar ist, spielst du nur in kurzen Sequenzen und dosiert mit ihm. Verzichte bitte auf wilde Renn- und Zerrspiele und achte darauf, dass dein Hund bei längeren Spaziergängen einzelne Aufgabenstellungen bekommt. So kannst du beispielsweise Schnüffelarbeit mit deinem Hund anfangen. Das fokussiert ihn artgerecht auf etwas, das Hunden nun mal in die Wiege gelegt wurde, zwingt ihn, sich zu konzentrieren, und du wächst mit deinem Hund zusammen, denn ihr sucht natürlich als Team. Lege nach den Spielsequenzen und innerhalb eurer Gassirunde immer mal wieder Pausen ein, in denen sich dein Hund entspannt und du ihn vielleicht mit einer Massage runterbringst.

Weiterführende Informationen

Inspirationen zu Schnüffelspielen erhältst du in verschiedenen Büchern, beispielsweise im Taschenbuch „Schnüffelspiele für Hunde: Der Nasenspaß für jeden Hund“ von Christiane Blenski, aber auch auf DVD, zum Beispiel mit „Nasenarbeit – artgerechte Beschäftigung mit Uwe Friedrich“. Auch „Hundespiele für Zuhause“ von Anja Jakob ist empfehlenswert, um deinen Hund mit Denksport auszulasten.

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