Graue Schnauzen aus dem Tierschutz – Teil 2

Nach reiflicher Überlegung hast du dich für einen Senior-Hund entschieden, und schon bald zieht deine graue Schnauze bei dir ein. Oder ist sie bereits da? Prima, dann kannst du sofort loslegen und unsere folgenden Tipps zu Erziehung, Umgang und Beschäftigung mit älteren Hunden umsetzen.

„Sie ist doch schon alt …“ – Inkonsequenz als Altersbonus?

Deine graue Schnauze hat ein Leben vor dir, und wenn dein Hunde-Senior aus dem Tierschutz kommt, kennst du die Vorgeschichte wahrscheinlich nicht. Viele Hundehalter lassen sich bei dem Gedanken, was die graue Schnauze schon alles erlebt haben könnte, sehr leicht um den Finger wickeln. Neulich hatte ich eine sympathische Kundin mit einer Hunde-Omi, die nach vier Wochen des Eingewöhnens im neuen Zuhause nun an das Leben bei uns gewöhnt werden sollte. Folgender Szene konnte ich beiwohnen:

„Sitz, Irmel. Ja, sitz! – Ja, feiiiin, das Platz ist auch okay.“

Ich musste schmunzeln. Vor allem, als sich die Kundin entschuldigend zu mir umdrehte und sagte: „Ich lasse ihr ihre Marotten. Sie ist doch schon 11.“ Die liebe Kundin möchte ihrer Irmel etwas zurückgeben, was ihr andere geraubt haben: Lebensglück. Ihre Altersmarotten werden mit einem liebevollen Lächeln quittiert. Man kommt jedoch nicht umhin, sich zu fragen: wo genau geht der Altersbonus in Inkonsequenz über?

Deine Inkonsequenz bekommst du zurück

Es gibt einen Unterschied zwischen Inkonsequenz und Altersbonus. Die oben beschriebene Szene ist tatsächlich eine, die lediglich zum Schmunzeln anregt und keineswegs für Diskussionen sorgen sollte. Davon, einen „uneingeschränkten Altersbonus“ zu erhalten, also innerhalb der gelebten Inkonsequenz zuhause zu sein, hat aber weder ein alter noch ein junger Hund etwas. Einen gewissen Rahmen sollte es geben – auch wenn die Irmels dieser Welt ihre grauen Augenbrauen noch so lieblich hochziehen und uns aus verschlafenen Hundeaugen angucken.

Denn deine eigene Inkonsequenz wird dir deine graue Schnauze früher oder später aufs Brot schmieren. Auch im Alter können Hunde noch zu Leinenziehern und Nicht-Kommern umerzogen werden – Hunde lernen immer, da sie sich immer verhalten. Auf jedes Verhalten folgt eine Konsequenz. Immer! Und auch Inkonsequenz ist eine Konsequenz auf das Verhalten des Hundes.

Adoptierst du eine graue Schnauze aus einem Tierheim, ist es relativ wahrscheinlich, dass der Hund bereits in einem Haushalt gelebt hat und gängige Signale kennt. Bei einem Hunde-Senior aus dem Auslandstierschutz könnte der Hunde-Opi oder die Hunde-Omi bisher auf der Straße gelebt haben und weiß nichts mit Signalen anzufangen, sodass diese selbstverständlich erst mal trainiert gehören, bevor sie genutzt werden können.

Auch für Senioren bietet sich Markertraining an: bestärkt wird gewünschtes Verhalten, unerwünschtes Verhalten kann in alternative Richtungen geführt werden, sodass deine graue Schnauze Möglichkeiten an die Pfote bekommt, sich anders zu verhalten. Das ist Konsequenz: du zeigst deiner grauen Schnauze, ob ein Verhalten erwünscht ist oder nicht, und wenn nicht, zeigst du ihr Alternativen auf. Das führt dazu, dass dein Hunde-Senior eben diese Alternativen sehr bald von selbst anbietet. Konsequent ist es nun auch, ihn in diesen Alternativen zu bestärken.

Tollster Senior der Welt: Ted zählt mit seinen 12 Jahren zwar zum alten Eisen, ist aber noch so richtig Hund! (© Bianca Wellbrock I Gespürnase)
Tollster Senior der Welt: Ted zählt mit seinen 12 Jahren zwar zum alten Eisen, ist aber noch so richtig Hund! (© Bianca Wellbrock)

Als meine Kundin von ihrer Irmel das erwünschte Verhalten „Sitz“ wollte, Irmel jedoch lieber ins Platz ging, wäre es sinnvoller gewesen, Irmel das Sitz noch mal zu zeigen. Sanft, ohne Geschrei, ohne Gemecker und ohne sonstige Gewalt. Fürs weitere Training weiß die Hundehalterin nun aber, dass Irmel das Platz gerne ausführt und kann es als Alternativverhalten für unschönes Verhalten wie etwa Radfahrer anbellen einsetzen.

Regeln geben Sicherheit

Schon im Welpenteil der Tierschutzserie bin ich darauf eingegangen, wie wichtig das Aufstellen von Regeln ist: darf der Hunde-Stöpsel nicht aufs Sofa, bedeutet das, dass sich alle Familienmitglieder immer daran halten. Das gilt selbstredend auch für Hunde-Senioren. Warum? Weil ein festes Regelwerk ihnen Sicherheit gibt. Gerade alternde Hunde sind auf Routine angewiesen. Konsequenz bringt Routine. Die graue Schnauze erhält durch deine Regeln einen Rahmen, in dem er das Hund-sein genießen kann, weil er sich sicher fühlt. Den Altersbonus darfst du selbstredend dennoch beibehalten:

Als Irmel sich ins Platz brachte, brauchte das deutlich länger als bei einem Junior-Hund. Klar, die Knochen sind alt und müde. Das ist der richtige Zeitpunkt für den Altersbonus: du bestehst bitte nicht darauf, dass deine graue Schnauze das Platz oder andere Signale so zügig ausführt wie ein Junghund, sondern du gibst ihm seine Zeit. Viele Hunde-Senioren haben Probleme mit dem Bewegungsapparat, das macht das Hinlegen und Aufstehen mühsam. Mit kalten Böden haben Hunde-Opis und -Omis ebenfalls ihre Probleme. Hier kannst du den Altersbonus sehr freizügig vergeben; bringe bitte das nötige Verständnis auf für deine graue Schnauze.

Graue Schnauzen gehören nicht aufs Abstellgleis

Irmels Frauchen war sich auch sehr unsicher, was die Beschäftigung ihrer grauen Schnauze angeht: sie möchte sie schonen, ihr nicht zu viel zumuten. Das ist nett gemeint. Mehr allerdings nicht. Ich zog im Gespräch mit der Hundehalterin einen Vergleich zum Menschen – und stieß auf größtes Verständnis, schließlich wollte die Hundehalterin als Frührentnerin auch nicht aufs Abstellgleis geschoben werden.

Stell dir vor, du bekämst alles abgenommen: bei unangenehmen Dingen wie dem Haushalt oder der Steuererklärung ist das sicher toll. Bist du jedoch begeisterte Hobby-Gärtnerin und ich käme heute zu dir, um zu erklären, dass du nie wieder im Garten arbeiten bräuchten, da ich das ab sofort für dich übernehme, wärst du nicht mehr angetan, oder?

Nicht bereit fürs Abstellgleis: Hunde-Opa Rio
Nicht bereit fürs Abstellgleis: Hunde-Opa Rio

Ähnlich geht es auch den grauen Schnauzen. Ihr Geist würde verkümmern, würden wir sie zu arg schonen. Hunde, die keine Aufgabe haben, altern schneller – wie wir Menschen auch. Dein Hunde-Senior ist nie zu alt für Beschäftigung. Besonders toll sind physiotherapeutische Übungen, denn die tun auch noch was für den Körper deiner alternden Pelznase. Am Ende dieses Beitrags findest du einen PDF-Download, der einige physiotherapeutische Übungen sowie andere Beschäftigungsideen mit deinem Hunde-Senior vorstellt. So kannst du  direkt mit dem Training starten.

Setze die Prioritäten also insgesamt richtig: wenn dein Hunde-Opi oder deine Hunde-Omi deutlich langsamer zu dir kommt, wenn du abrufst, ist das völlig in Ordnung – Druck wäre hier (und überall sonst) komplett fehl am Platz. Kommt dein Hunde-Senior hingegen gar nicht, solltest du intensiver am Rückruf arbeiten. Lasse deine Pelznase wissen, dass sie gebraucht und geschätzt wird – arbeite in gemäßigtem Tempo und altersgerecht mit ihm.

Extra: Download Beschäftigung für graue Schnauzen

Damit du für Beschäftigungsideen und Übungen nicht immer diesen Beitrag öffnen brauchen, habe ich dir in einem PDF diverse Beschäftigungsideen zusammengestellt. Den kostenfreien Download kannst duausdrucken und gerne auch an Bekannte und Freunde mit Hunde-Opis und -Omis weitergeben.

>> Download „Beschäftigung für graue Schnauzen“ (PDF) <<

Im nächsten und letzten Teil des Senioren-Specials unserer Tierschutzserie sprechen wir über Alterserscheinungen, insbesondere über Blindheit und Taubheit bei Hunden, und gehen auf die Pflege alternder Pelznäschen ein. Wie immer freuen wir uns auf deine Meinung und Erfahrungen in den Kommentaren!

 

Fotos:
Titelbild: Flickr – Beverly
2. Artikelbild: Flickr – Found Animals Foundation

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