Hunde aus dem Tierheim und der Tierschutz-Orga: eure Fragen

Unsere Tierschutz-Serie geht in die letzte Runde – und diesmal habt ihr das Thema bestimmt. Herzlichen Dank für die E-Mails mit euren Fragen. Sämtliche Namen bleiben selbstredend unerwähnt und auch die Namen der Hunde haben wir geändert.

Bitte bedenke, dass die meisten geschilderten Probleme sehr komplex sind. Interessanter Weise waren gerade die drei Themen, die wir für unsere Fragerunde nun final ausgewählt haben, am häufigsten vertreten. Ich gebe im Folgenden ausschließlich Ideen, die du selbstständig anwenden kannst. Kommst du irgendwo nicht weiter, sprich bitte einen Hundetrainer oder Verhaltensberater an, der dir kleinschrittig und positiv aufzeigt, wie du und dein Hund mit dem Problem besser zurechtkommen könnt.

Audio-Version (powered by SpeakStaff, Sprecher: Tom W. Wolf)

Gewitterangst beim 10-jährigen Tierschutz-Hund Milow

Frau S. schrieb: „Ich habe einen Hundesenior adoptiert. Milow ist 10 Jahre alt und als es neulich wieder gewitterte, war er furchtbar ängstlich. Wie kann ich ihm die Angst etwas nehmen?“

Gewitterangst

Gewitter- beziehungsweise Geräuschangst ist ein weit verbreitetes Phänomen. Schüsse, Feuerwerk oder Donner können den Vierbeiner in Angst und Panik versetzen. Das macht aus biologischer Sicht Sinn: Ein Tier, dessen Angst dazu führt, sich in Sicherheit zu bringen, überlebt in freier Wildbahn eher als eines, das sich mitten in die Gefahr begibt. Geräuschangst muss also nicht erlernt werden, Hunde und andere Tiere haben sie einfach im genetischen Programm – mal mehr, mal weniger auffällig.

Was passiert da beim Hund?

Wenn der Mandelkern als Teil des Gehirns die Alarmglocken schrillen lässt, da ein Umweltreiz als bedrohlich eingestuft wird, reagiert der Hund mit der Emotion „Angst“. Der Hundekörper schüttet verschiedene Hormone und Botenstoffe aus, die ihn auf eine Reaktion vorbereiten. Aber erst, wenn eine Angstsituation konkret wird, kommt es zu einer körperlichen Reaktion.

Bestimmte Umstände, die einen Hund stressen, können die Gewitterangst verschlimmern. Dies kann passieren, wenn der Hund Schmerzen hat, er unter chronischem Stress leidet, aber auch, wenn seine Bezugsperson nicht anwesend ist, die ihm sonst Sicherheit bietet.

Geräuschangst – was tun?

Die beste Möglichkeit, einem Hund diese Angst zu nehmen, ist natürlich, ihn im Welpenalter darauf vorzubereiten. Für Milow, den 10-jährigen Tierschutz-Hund, kommt dieser Tipp aber zu spät. Hier existieren verschiedene wirkungsvolle Strategien zur Angstbewältigung: die Halterin kann Milow einen Sicherheitsbereich bauen. Viele Hunde mögen höhlenartige Verstecke; dafür findet ihr im Fachhandel beispielsweise Wigwams. Du kannst selbstverständlich auch ein Kuschelkissen oder eine Hundebox nutzen.

Diesen Sicherheitsbereich baust du ausschließlich positiv auf: hier passieren nur tolle Dinge, die dem Hund Ruhe und Entspannung vermitteln. Verzichte also auf Zerrspiele; wähle lieber entspannende Massagen oder etwas zum Kauen. Nachdem du diesen Sicherheitsbereich als positiven Platz verknüpft hast, beginnst du, verschiedene Geräusche abzuspielen – vorerst ausschließlich solche, denen der Hund positiv oder neutral gegenübersteht.

Allmählich gehst du zu Geräuschen über, die Gewittern, Feuerwerken, etc. ähneln, um im letzten Schritt genau die Geräusche abzuspielen, vor denen sich der Hund bisher fürchtet. Wähle die Lautstärke zunächst gering und steigere die Anforderungen immer erst dann, wenn du sicher bist, dein Hund kommt gut und stressfrei damit zurecht. Die Geräusche kannst du entweder selbst aufzeichnen oder du kaufst dir eine CD zur Desensibilisierung.

Bemühe dich außerdem darum, dass zum Einsetzen der Angst-verursachenden Geräusche möglichst die Bezugsperson beim Hund ist. Bei Gewittern ist das nicht immer möglich, jedoch weißt du, wann Silvester und mit Feuerwerken zu rechnen ist. Da Entspannung der emotionale Gegenspieler von Angst/ Anspannung ist, kannst du mit deinem Hund auch Entspannungsübungen durchführen oder die konditionierte Entspannung anwenden. Ein Thundershirt, Entspannungspheromone wie Adaptil sowie Bachblüten sind gute Ergänzungen – sprich bitte mit einem fachkundigen Tierheilpraktiker.

Ist dein Hund ein großer Spieler, kannst du auch mit deinem Hund spielen. Damit das Spiel nicht gehemmt wird, muss die Verzückung durchs Spielzeug jedoch größer sein als die Angst vor dem Geräusch. Eine Aufgabe zu haben, hilft gegen Angst. So kannst du einen gefüllten Kong zum Ausschlabbern bereithalten oder einen köstlichen Ochsenziemer zum Kauen anbieten – kauen beruhigt ungemein.

Als ruhig beschriebene Hündin doch hyperaktiv?

Familie W. schrieb: „Wir haben das Gefühl, unsere Hündin ist hyperaktiv. Sie wurde eigentlich als ruhige Hündin von der Tierschutz-Orga beschrieben, aber uns scheint es, als könne sie nie genug bekommen. Die Orga sagte, wir sollen unserer Hündin eine Auszeit geben, sie also ganz kurz mal aussperren, wenn sie nicht zur Ruhe kommt. Das will aber so gar nicht klappen und wir wollen sie nach so kurzer Zeit auch gar nicht aussperren.“

hyperaktiv

Dieser Gedanke, liebe Familie W., dass die Hündin nicht ausgesperrt werden soll, ist ganz richtig, denn: aussperren bedeutet den Entzug des Sozialkontakts – der Horror schlechthin für das äußerst soziale Lebewesen Hund. Eine solche Auszeit wird gerne empfohlen, allerdings ist dies eine negative Strafe für etwas, wofür die Hündin nichts kann, denn sie ist ja nicht bewusst und in voller Absicht so überdreht.

Die Trennung von ihren Menschen, die sie offenbar noch nicht so lange kennt, in einer Umgebung, in der die Hündin erst einige Zeit lebt, stresst hochgradig. Und selbst dann, wenn die Hündin ruhiger von der Auszeit wieder käme, hieße das nicht, dass sie diese Ruhe tatsächlich erlebt: oftmals wirken Hunde, die aus dem sozialen Gefüge ausgesperrt werden, anschließend tatsächlich ruhiger, jedoch ist dies lediglich der Angst vor einer erneuten Strafe, dem nochmaligen Aussperren, geschuldet. Diese Hunde haben gelernt, sich zu kontrollieren – zumindest für den Moment, denn unter diesen Umständen kann der Hund nicht zur Ruhe gekommen sein.

Hunde brauchen Ruhe

Hunde müssen lernen, wie es sich anfühlt, wirklich ruhig zu sein und zu entspannen. Das ist existenziell, denn Hunde, die die Ruhe wirklich bewahren können, können nicht in zu großen Stress geraten bzw. sind dann wieder schnell rauszuholen. Die konditionierte Entspannung unterstützt deinen Hund auf sanfte und sehr nachhaltige Weise dabei, Ruhe zu erleben. Das Problem an der empfohlenen Auszeit ist, dass sie zu spät ansetzt:

Die Hündin ist bereits auf 180. Baue das Training so auf, dass dein Hund nicht hochfahren muss – bedeutet: halte sämtliche Situationen, in denen der Hund typischerweise hochfährt, möglichst kurz und baue Pausen ein. In Pausen kann der Hund einfach mal rumlümmeln und sich eine Massage von dir verpassen lassen. Auch aktiv gestaltete Pausen machen Sinn:

Lasse den Hund schnüffeln, er kann auch etwas kauen oder du legst Futter für ein langsames Suchspiel aus. Wer auf solche Pausen setzt, bevor der Hund hochfährt, macht Strafen, die mit der Auszeit verbunden sind, überflüssig.

Tierschutz-Hund möchte „Rudelführer“ sein

Frau D. schreibt: „Meinen Tierschutzhund habe ich bereits seit zwei Jahren. Sobald mein Exmann am Wochenende heim kommt, ist es mit der Erziehung vorbei und ich habe es satt, dass mein Hund dann die Rudelführung übernimmt. Wie kann ich meinem Hund in solchen Momenten zeigen, wer der Chef ist?“

Rudelfuehrer

Rudel … was ist das eigentlich?

Aus biologischer Sicht ist ein Rudel ein Familienverband, das sich aus den Eltern und den Nachkommen aus den vergangenen ein bis drei Jahren zusammensetzt. Die starren Hierarchien, die Rudeln einst in Folge von Wolfsbeobachtungen zugeschrieben wurden, wurden wiederlegt. Die Beobachtungen wurden an Wölfen gemacht, die in Gefangenschaft lebten und willkürlich zusammengesetzt sind, und somit kein echtes Rudelverhalten zeigen (Quelle: David Mech „Wolves: Behavior, Ecology and Conservation“).

Dieser Überlegung folgend, kommt man nicht umhin, sich zu fragen, wie der Mensch „Chef“, „Rudelführer“ oder auch „Alphatier“ sein kann, wenn sich doch ein Rudel aus Individuen einer Art zusammensetzt. Leider geistern diese Begriffe sowie auch „Dominaz“, „Rangreduktion“, „Rangordnung“ oder „Privilegien“ noch immer durch die Hundehalter- und -trainerszene. Eigentlich kann es uns egal sein, wie euch und euren Hund bezeichnet, ob als Rudel oder Gemeinschaft, Familie oder Freunde.

Jedoch implizieren die oftmals falsch verwendeten Begrifflichkeiten fast automatisiert eine Hundeerziehungs-Methode. So wird etwa gerne behauptet, der „Rudelführer“ habe zuerst durch Türen zu gehen, habe das Privileg, seine Nahrung als erster zu sich zu nehmen, dürfe Aufmerksamkeit einfordern und sei der einzige, der sich einen erhöhten Liegeplatz erlauben dürfe. Mit Regeln dieser Art sollen Halter ihren Hunden zeigen, dass sie der „Chef“ im Haus sind. Nun … eigentlich sollte das ein alter Hut sein, den sich niemand mehr aufsetzt. Eigentlich.

Von Hunden und Menschen

Wie würden sich Anhänger der Rudeltheorie wohl ausdrücken, hätten sie Sittiche anstelle eines Hundes zuhause? Wären sie dann der „Scharchef“? Der „Alphaflatterer“? Oder der „Schwarmboss“? Mehr als 14.000 Jahre Domestikation haben dazu geführt, dass das anpassungsfähige Wesen „Hund“ mehr als jedes andere Haustier auf den Menschen geprägt ist. Wir bilden mit unseren Hunden eine soziale Gemeinschaft und Hunde passen sich unserem Leben prima an.

Das ist praktisch, denn mit diesem Wissen braucht niemand zum „Chef sein“ keine Knute, keinen Kasernenton und keine albernen Regeln, die es vermeiden sollen, dass die Pelznase die Weltherrschaft an sich reißt. Mal ehrlich: wir Menschen bestimmen wahrlich schon genug im Hundealltag: Wir suchen das Futter des Hundes aus, auch die Sozialkontakte, die Lebensumstände, den Aufenthaltsort und die Zuwendung, die der Hund bekommt. Somit entscheidet nicht der Hund, sondern wir sind es, die die Regeln aufstellen.

Regeln kann man auch freundlich durchsetzen

Jedoch gibt es Unterschiede dahingehend, wie diese Regeln durchgesetzt werden. Leider gibt es viele, viele Menschen, die im Leinenruck oder in der Wasserspritzpistole eine Möglichkeit sehen, ihrem Hund „zu zeigen, wer hier Chef ist“. Spricht man mit diesen Menschen darüber, heißt es, ein korrekt angewendeter Leinenruck füge dem Tier keine Schmerzen zu. Ehrlich: mir ist noch kein Leinenruck untergekommen, der auch nur im Entferntesten positiv auf den Hund gewirkt hätte.

Erziehung sollte immer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und nicht auf „Hört der Köter nicht, gibt’s eine Ladung korrekt angewendetes Wasser über seinen Schädel!“ Der Leinenruck und auch das Erschrecken mit Wasser sind als tierschutzrelevant anzusehen, auch wenn das einige nicht gerne hören oder lesen. Deshalb sollte immer gelten: Erziehe deinen „Welteroberer“ mit positiven Methoden.

Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt

Letztlich geht es immer darum, die Bedürfnisse unserer Hunde zu befriedigen – das ist die Verantwortung, die wir auf uns genommen haben, als wir uns für unsere Hunde entschieden haben. Funktioniert die Bedürfnisbefriedigung in ursprünglicher Form nicht in unserem Alltag, wie etwa das dringende Bedürfnis, die Nachbarskatze zu hetzen, dann müssen wir Alternativen finden und diese unserem Hund näherbringen.

Verhalten, das sich für Hunde lohnt, zeigen sie häufiger. Und es lohnt sich genau dann, wenn ein Bedürfnis des Hundes befriedigt wird. Finde bitte heraus, was dein Hund für Bedürfnisse hat. Funktionieren diese Bedürfnisse in deinem Alltag nicht, finde Alternativen, die du positiv mit deinem Hund trainierst. Daraus folgend erwirkst du eine kooperative Einstellung dir gegenüber: Hey, mein Frauchen weiß, was ich will, bei der arbeite ich mit!

 

Fotos:
Titelbild: „Timid“ von Ryan Lavalley, Lizenz: CC BY-SA 2.0
Artikelbilder:
Scared?“ von Connie Ma, Lizenz: CC BY-SA 2.0
Kalibra’s Sekei Von Excalibur“ von Harold Meerveld, Lizenz: CC BY-SA 2.0
Dog Dienstag“ von Jörg Schubert, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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