Meerschweinchen: Das perfekte Haustier für Kinder?

Nach wie vor genießen Meerschweinchen den Ruf, sehr schmusig zu sein und kaum Anforderungen an die Haltung zu stellen. Gerade für Kinder ab dem 3. oder 4. Lebensjahr sollen sich die Tierchen eignen, sie seien die idealen Kuschel- und Schmusetiere. Schließlich beißen und kratzen sie nicht, im Gegenteil: Sie halten still, wenn sie gekuschelt werden. Sind Meerschweinchen tatsächlich eine gute Wahl für Kinder?

Meerschweinchen sind immer auf der Flucht

Als Beute- und Fluchttiere sind Meerschweinchen sehr schreckhaft. Das macht in ihrer natürlichen Umgebung auch Sinn: Raschelt es in den Blättern, suchen die Schweinchen ihr Heil in der Flucht – es könnte sich ja ein Raubtier dahinter verbergen. Werden sie doch gepackt, verfallen sie in eine regelrechte Angststarre: Sie bleiben bewegungslos sitzen und stellen sich tot, in der Hoffnung, der Feind möge wieder ablassen.

All das sind Eigenschaften, die durchaus mal mit den Vorstellungen von Kindern über ein Haustier kollidieren können. Kinder sind mit ihrer Lebensfreude und Spontanität zuweilen überrascht, wie oft sich so ein Meerschweinchen zurückzieht, wenn es sich fürchtet. Das kann für ein Kind zur Geduldsprobe werden: So gerne möchte es das Schweinchen streicheln und schmusen, doch es rennt immer weg.

Es ist auch niemandem – am wenigsten jedoch dem Meerschweinchen – damit geholfen, es einfach auf den Arm zu nehmen. Dann verfallen sie in die bereits erwähnte Angststarre. Menschen – Erwachsene wie Kinder – die noch keine Erfahrungen damit gesammelt haben, kommen rasch auf den Gedanken, dem Schweinchen gefallen die Streicheleinheiten. Es liegt ruhig im Arm, schließt womöglich sogar die Augen. Leider ist genau dies kein Anzeichen für Wohlgefühl, sondern es ist die pure Angst.

Mit Geduld zähmen

Hier sind nun oft die Eltern gefragt: Erklären Sie Ihren Sprösslingen das natürliche Verhalten der Meerschweinchen. Kinder sind oft sehr einfühlsam und haben Verständnis. Und das Schöne: Sie können Ihrem Kind in Aussicht stellen, dass sich die Scheu der Meeris auch abbauen lässt.

Liebe geht auch bei Kleintieren wie Meerschweinchen durch den Magen. Damit die furchterregende Hand nicht direkt ins Spiel kommt, kann man sich durch ein Stöckchen und eine Schnur eine Futterangel basteln. Hier lassen sich Möhrchen, Kräuter oder andere Schmackhaftigkeiten aufhängen, die den Meerschweinchen dann ruhig gereicht werden. Geduld ist gefragt – nicht jedes Meerschweinchen ist gleich so mutig und probiert von den Köstlichkeiten. Räumen Sie den unterschiedlichen Schweinchen-Charakteren so viel Zeit ein, wie sie brauchen, um sich zu trauen.

Klappt das Futter-Angeln schon gut, kann das Kind Futter auch direkt aus der Hand reichen. Das sollte man in Situationen machen, in denen das Kind eher ruhig gestimmt und die Schweinchen wach sind. Auch hier kann es sein, dass sich das Kind sehr geduldig zeigen muss, ehe ein Meerschweinchen sich wirklich traut. Ist das Eis erst gebrochen und traut sich das erste Schweinchen an die Mahlzeit aus der Hand, ziehen für gewöhnlich auch die restlichen Schweinchen nach.

Eine sehr gute Sache ist auch das Vorlesen. Für neue Tiere ist das Vorlesen praktisch, um sich mit der Stimme der neuen Bezugsperson vertraut zu machen. Alteingesessene Tiere hören aber auch gerne die Stimme ihres vertrauten Menschen. Spielerisch und wie nebenbei schult das Kind dabei sein Lesetalent.

Es hat ‘click’ gemacht

Ich persönlich bin ein sehr großer Fan des Clickerns, was sich auch mit Kindern und Kleintieren hervorragend bewerkstelligen lässt. Der Clicker ist ein kleines, einem Knackfrosch ähnelndes Gerät, welches es erlaubt, positives Verhalten punktgenau zu bestätigen und es anschließend mit Futter zu belohnen.

Mit dem Clicker lassen sich verschiedene Dinge erarbeiten: Er kann einfach zum Spaß und zum Erlernen kleiner Kunststückchen eingesetzt werden. Er lässt sich aber auch nutzen, um dem Meerschweinchen begreiflich zu machen, dass es nicht schlimm ist, angefasst zu werden. Ob Fellpflege oder Beschäftigung mit Kindern: Kaum ein Schwein kann sich einer so tollen Beschäftigung, die Körper und Geist fordert, entziehen.

Befindlichkeiten respektieren

Egal, welcher Beschäftigung Kind und Meerschweinchen nachgehen möchten, eines sollte immer klar sein: Jeder Beteiligte muss die Grenzen des anderen respektieren. Möchte das Meerschweinchen nicht mehr clickern und zieht sich zurück, muss das vom Kind respektiert werden. Funktioniert nicht alles so, wie man sich das vorgestellt hat, darf keinesfalls das Schweinchen für das Misslingen verantwortlich gemacht werden.

Respektieren Kinder die Grenzen der Meerschweinchen, können die schönsten Freundschaften entstehen. Als Eltern haben Sie die Verantwortung, alles in entsprechende Bahnen zu bringen, wozu einige Regeln gehören:

  • Zeitlicher Aspekt: Kinder können sehr ausdauernd spielen und toben – bei Meerschweinchen ist dies jedoch anders. Nach 5 – 10 Minuten sollte eine Pause eingelegt werden, denn stundenlange Beschäftigung überfordert die Tiere (und manchmal auch die Kinder).
  • Pause: Schlafen die Meerschweinchen gerade, putzen sie sich oder fressen sie, sollten sie bei diesen Aktivitäten nicht gestört werden. Weisen Sie Ihre Kinder darauf hin, damit die Schweinchen so wenig wie möglich gestresst werden.
  • Genug ist genug: Signalisiert ein Meerschweinchen, dass es genug Beschäftigung hatte, muss auch das respektiert werden. Beschäftigen sich die Kinder mit den Meerschweinchen, obwohl diese Müdigkeit signalisieren, wird die Mensch-Tier-Beziehung empfindlich gestört und alle bisherigen Mühen waren womöglich umsonst.

Das sollte kein Schwein mitmachen müssen

Es gibt auch Beschäftigungen, die gänzlich ungeeignet sind. Die Industrie bietet beispielsweise Leinen und Geschirre für Kleintiere an, um mit ihnen spazieren zu gehen. Das ist purer Stress für Meerschweinchen, die ihr gewohntes Umfeld sehr schätzen und nicht hinaus in fremde Reviere möchten.

Auch verkleidet zu werden, ist für die Tiere der blanke Horror. Haben Sie bitte unbedingt ein Auge darauf, dass Ihre Kinder die Tiere nicht zu Püppchen machen. Cowboy-Kostüme mögen am Meerschweinchen für uns womöglich lustig aussehen, das Tier jedoch hat gar keinen Spaß – es leidet, und zwar unter Todesängsten.

Meerschweinchen als Haustiere für Kinder

Meerschweinchen und Kinder – passt das nun oder nicht? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, zu unterschiedlich sind die Charaktere von Kind und Tier. Grundsätzlich sollte die Natur des Meerschweinchens berücksichtigt werden. Eine ausreichende Gehegegröße (für zwei bis drei Meerschweinchen mindestens 2 qm, für jedes weitere 0,5 qm), nette und passende Meerschweinchen-Gesellschaft und eine ausgewogene Ernährung zählen dazu, aber auch die Kenntnis über die natürlichen Verhaltensweisen dieser Fluchttiere. Passen diese Rahmenbedingungen, können wunderschöne Freundschaften zwischen Mensch und Tier entstehen.

Unabhängig vom Alter des Kindes sollten Sie als Eltern immer ein Auge auf die Beziehung zwischen Kindern und Tieren haben. Gerade Kleinkinder sind den Aufgaben rund um Fütterung und Pflege einfach nicht gewachsen. Größere Kinder können ihre Eltern jedoch tatkräftig dabei unterstützen – und haben meist sogar Spaß an dieser Verantwortung.

Rechnen Sie jedoch auch damit, dass Ihr Kind schnell das Interesse an den Meerschweinchen verliert. Vielleicht werden die Schweinchen nicht so zutraulich, wie sich das die Kinder gewünscht haben. Vielleicht hatte das Kind ganz andere Vorstellungen vom Zusammenleben mit Tieren.

Ist Ihnen schon vorher klar, dass der Großteil der anfallenden Arbeiten an Ihnen als Eltern hängen bleibt, schätzen Sie Ihr Kind als verständnisvoll ein und ist die ganze Familie mit den pelzigen Mitbewohnern einverstanden, werden Sie, Ihr Kind und die Meerschweinchen eine wundervolle Zukunft miteinander haben.

 

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Fotos: 
© Bianca Wellbrock

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