Sind Tierversuche noch zeitgemäß?

Leider steigt die Anzahl der im Namen der Wissenschaft getöteten Tiere weiter an. Längst könnte man zu alternativen Testverfahren greifen – dafür müsste die Politik jedoch den Ausstieg aus den Tierversuchen ernst nehmen. Dass dies nicht passiert, zeigen die gestiegenen Zahlen der Tierversuche aus 2016.

Tierversuche in 2016 gestiegen

Die Bundesregierung entschied sich, die aktuellen Tierversuchszahlen im größten Weihnachtstrubel 2017 bekanntzugeben. Der Zeitpunkt war geschickt gewählt zwischen so vielen Ablenkungen: Obwohl sich die EU-Mitgliedsstaaten im Jahre 2010 mit einer Richtlinie von Tierversuchen gänzlich verabschieden wollten, sind die Zahlen wieder gestiegen.

Im Fachjargon spricht man vom „Tierverbrauch“. So wurden im Jahr 2016 knappe 2,8 Millionen Tiere „verbraucht“. Und das bedeutet einen Anstieg von knapp 1,6 Prozent zum Vorjahr! Mäuse bilden mit 70 % die größte Gruppe – fast 2 Millionen Tiere wurden genutzt. Knapp 800 Katzen und mehr als 3.900 Hunde kommen hinzu.

Wenngleich es bei den „klassischen“ Versuchstieren wie Ratten, Mäusen und Primaten einen dezenten Rückgang zu verzeichnen gibt, gibt es Zuwächse bei Schweinen, Schafen, Rindern, Geflügel – und bei Fischen (teils gentechnisch verändert). So wurden in 2016 sagenhafte 311.000 Fische verwendet – ein sehr deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr mit ca. 202.000 Fischen. Die Bundesregierung begründet: „Ein Anstieg der Zahl der eingesetzten Fische ließ sich insbesondere im Bereich der Grundlagenforschung (v. a. Endokrines System/ Stoffwechsel) feststellen.“

Gegner der Tierversuche gehen von einer weit größeren Dunkelziffer aus. Denn Tiere, die meldefrei sind, tauchen auch in keiner Statistik auf. So werden beispielsweise Tiere als lebender Vorrat gehalten, diese kommen jedoch nicht zum Einsatz. Auch kann es passieren, dass Tiere nach genetischen Manipulationen nicht die erhofften Merkmale haben. Diese werden direkt entsorgt.

Entsetzen gegen Tierversuche steigt

Tierhalter wissen es längst, Nicht-Tierhalter kommen jedoch auch immer mehr dahinter: Tiere und Menschen sind sich sehr ähnlich. Schon seit Jahren hat Literatur über die schlaue und soziale Tierwelt Hochkonjunktur, beispielsweise das sehr lesenswerte Buch „Das Seelenleben der Tiere“ von Peter Wohlleben.

Dieses neue Bewusstsein über Tiere und ihr reiches Seelenleben betrifft nicht nur unsere Haustiere Hund und Katz, sondern auch Primaten, Schweine oder Fische. Kaum verwunderlich, dass da Stimmen laut werden, die Tieren ähnliche Rechte geben möchten, wie wir Menschen sie genießen.

Immer leidenschaftlicher diskutieren nicht nur Tierrechtler, sondern auch Biologen und Verhaltensforscher. Ist das (Aus-)Nutzen empfindungsfähiger Lebewesen legitim? Lässt sich das ethisch vertreten? Die Meinungen der breiten Öffentlichkeit muss angesichts der aktuellen Zahlen eine andere sein als die der Politik.

Es gibt alternative Verfahren

Längst schon existieren tierfreie Testmethoden: Es gibt Computermodelle oder aber die Möglichkeit, Zellkulturen anzulegen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Jedoch dauern die Zulassungsverfahren mehr als 15 Jahre und die Entwicklung verschlingt Millionen. Was tun?

Die Bundesregierung leistet kaum einen Beitrag: Seit 1980 unterstützte das Forschungsministerium zwar mehr als 500 Projekte mit 170 Millionen Euro. Jedoch existieren keinerlei Förderprogramme zum Entwickeln von Alternativen zu Tierversuchen. Man kann einfach keinen Willen erkennen.

Die Niederlande zeigen uns, wie es funktionieren kann: Bis ins Jahr 2025 möchte Holland aus den staatlich noch vorgeschriebenen Tierversuchen für Sicherheitsüberprüfungen ausgestiegen sein. Damit gehören die Niederlande zu den ersten, die mit der EU-Richtlinie zur Abschaffung von Tierversuchen ernst macht.

Ärzte gegen Tierversuche kämpfen

Zum größten Verbund von Kritikern gehören die Ärzte gegen Tierversuche. In einem Beitrag machen die Ärzte gegen Tierversuche auf die EU-Tierversuchsrichtlinie aufmerksam. Hier wird noch mal deutlich, wie wenig sich unsere Bundesregierung um Tierversuche schert:

Die Tierversuchsrichtlinie, die 2010 in Kraft trat, sollte bis November 2012 in nationales Recht umgesetzt werden. Die neue Tierversuchsverordnung trat jedoch erst im August 2013 in Kraft. Leider sehen die Ärzte gegen Tierversuche in der Verordnung kaum Verbesserungen. Sie sprechen von „verwässert und weichgespült“: Der ursprüngliche Novellierungsentwurf enthielt immerhin „einige Schritte in die richtige Richtung“.

Die Ärzte gegen Tierversuche erklären weiter: „Doch bei den folgenden Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und EU-Ministerrat wurden selbst die wenigen Verbesserungen des ursprünglichen Entwurfs abgeschwächt oder gar ganz gestrichen. Insbesondere die sogenannten Volksvertreter machten sich dabei zu Handlangern der milliardenschweren Tierversuchsindustrie, die bei schärferen Regelungen das Ende der medizinischen Forschung prophezeit.“ Auf der oben verlinkten Website findest du weitere Informationen zu den gestellten Forderungen und den Positionen der EU-Gremien.

Sind denn Tierversuche wirklich notwendig?

Befürworter der Tierversuche werden nicht müde, zu betonen, dass solche Versuche zwingend notwendig seien. Produkte müssten sicher gemacht werden, neue Behandlungsmethoden für Menschen müssten gefunden werden. Kritiker sind überzeugt: Die Ergebnisse aus Tierversuchen sind überhaupt nicht auf den Menschen übertragbar. Auch die Ärzte gegen Tierversuche sind dieser Überzeugung.

Sie argumentieren zunächst mit dem Naheliegendsten: „Zwischen Tier und Mensch bestehen vielfältige Unterschiede hinsichtlich Körperbau, Organfunktion, Stoffwechsel, Ernährung, Psyche und Lebensgewohnheiten.“ Auch seien die Unterschiede zwischen den Tierarten sehr hoch: Was die Katze verträgt, könnte für das Pferd tödlich sein und vom Meerschweinchen wieder anders aufgenommen werden. So entsteht ein hoher „Tierverbrauch“: Wenn unterschiedliche Tierarten auf dasselbe verschieden reagieren. Nicht immer überlebt das Tier Experimente dieser Art.

Die Ärzte gegen Tierversuche argumentieren sinnvoll: „Die Natur ist nicht linear“. Im Labor jedoch wird versucht, lineare Bedingungen zu schaffen. So werden Tiere beispielsweise gentechnisch manipuliert, um sie gleicher zu machen. Ein Umfeld, das sich deutlich von dem des Menschen unterscheidet – kein Mensch lebt unter sterilen und immer gleichen Laborbedingungen.

Menschliche Krankheiten auf Tiere übertragen?

Hinzu kommt, dass die meisten Krankheiten von Menschen bei Tieren entweder gar nicht vorkommen oder andere Auswirkungen haben. Die Forscher ahmen dann an den Tieren die Symptome auf künstlichem Wege nach. Jedoch haben solche künstlich hervorgerufenen Symptome nichts mit den menschlichen Krankheiten gemein. Tierstudien werden zu einer einzigen Farce, wenn man bedenkt, dass es so viele Faktoren beim Entstehen von Krankheiten eine wichtige Rolle spielen: Umwelteinflüsse, Suchtmittel, soziale Faktoren, Lebensgewohnheiten und Ernährung, um nur einige zu nennen. Das kann in Tierversuchen nicht simuliert werden.

Zahlen der Ärzte gegen Tierversuche verdeutlichen dies: „Tatsächlich versagt die tierexperimentell ausgerichtete Forschung immer wieder auf ganzer Linie. 95 % der potenziellen Arzneimittel, die sich im Tierversuch als wirksam und sicher erwiesen haben, kommen nicht durch die klinische Prüfung am Menschen, entweder wegen mangelnder Wirkung oder wegen unerwünschter Nebenwirkungen. Von den 5 % der Wirkstoffe, die eine Zulassung erhalten, wird später rund ein Drittel mit – teils dramatischen – Warnhinweisen versehen oder zurückgezogen, weil sich beim Menschen weitere schwerwiegende, oft sogar tödliche Nebenwirkungen herausstellen.“

Moderne Forschung führt ein Schatten-Dasein

Wie oben bereits angeklungen ist, existieren Alternativen bereits. Die Ärzte gegen Tierversuche sind sogar überzeugt: „Im Gegensatz zum Tierversuch liefern moderne tierversuchsfreie Verfahren verlässliche, für den Menschen relevante Ergenisse und sind dazu meist auch noch kostengünstiger.“ Das Problem an der Sache: Tierversuchsfreie Forschung ist eben weniger angesehen und wird von der Bundesregierung jährlich mit durchschnittlich 4 – 5 Millionen gefördert. Oben drauf kommen in einigen Bundesländern Projekte, die im einstelligen Millionenbereich liegen. Vergleicht man dies mit den Milliarden, die Jahr für Jahr in die Forschung mit Tierversuchen wandern, ist das geradezu lächerlich.

Trotz der stiefmütterlichen Behandlung seitens der Politik haben tierversuchsfreie Forschungsprojekte Erfolge zu feiern. Automatisierte Zellsysteme und Computermodelle sind im Aufwind. Roboter, die u. a. bereits an der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA im Einsatz sind, können mehrere tausende Substanzen pro Tag durchtesten. Mit Tierversuchen würde das Jahre dauern – und, wie oben beschrieben, kaum verlässliche Informationen liefern.

Fazit: Wir brauchen keine Tierversuche mehr

Tierversuche sollten ein Relinkt aus vergangenen Zeiten sein, denn wir benötigen sie heute nicht mehr. Es existieren genügend Alternativen, die nicht nur moralisch und ethisch vertretbarer sind, sondern auch noch zuverlässigere Ergebnisse bringen. Werden tierversuchsfreie Forschungstechniken sowie klinische Studien, an denen Menschen freiwillig teilnehmen können, miteinander kombiniert, können in der Medizin wirkliche Fortschritte erreicht werden.

Was denkst du: Benötigen wir heute noch Tierversuche? Achtest du im Alltag darauf, tierversuchsfreie Produkte zu verwenden? Oder bist du überzeugt, dass Tierversuche doch notwendig sind? Diskutiere mit – in den Kommentaren.

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